Grundlegende Missverständnisse im Kampf gegen den Antisemitismus I: Wann nehmen wir Menschen ernst, die an den Weihnachtsmann glauben?

Paul Klee, Weihnachtsbaum mit Christkind und Eisenbahn, 1884, Bleistift und Kreide auf Schreibpapier, 12,7 x 8 cm

Stellen sie sich bitte vor, sie sind in einer Unterhaltung mit einem Erwachsenen begriffen. Es besteht kein Anlass zu der Annahme, dass ihr Gegenüber an irgendeiner Lernbehinderung leidet oder ihr Leben bis vor Kurzem in völliger Isolation verbracht hat. Doch will sie von der Behauptung nicht ablassen, dass der Weihnachtsmann tatsächlich existiert. Vermutlich werden sie zunächst denken, sie scherze. Dann wird ihnen klar, dass dem nicht so ist. Man kann sich angesichts dieses Sachverhalts verschiedene Erwägungen und mögliche Reaktionen vorstellen. Doch würden wohl die wenigsten nun in eine ernsthafte Diskussion eintreten, um zu beweisen, dass der Weihnachtsmann wirklich nicht existiert.

Dennoch gibt es zu jedem beliebigen Zeitpunkt auf Erden mehrere hundert Millionen Menschen, die sehr wohl an die Existenz des Weihnachtsmanns glauben. Nicht nur werden sie dennoch von den meisten Menschen (zumindest auf eine gewisse Weise) ernst genommen bzw. beteiligen die meisten Menschen sich daran, diese Illusion aufrecht zu erhalten. Obendrein haben sämtliche Kulturen, in denen der Weihnachtsmann eine Rolle spielt, bewährte Methoden entwickelt, um ihrem Nachwuchs diesen Glauben zum geeigneten Zeitpunkt abzugewöhnen. Die friedliche Koexistenz dieser beiden einander scheinbar widersprechenden Umgangsweisen mit ein und demselben Problem beruht darauf, dass es nur wenigen Menschen schwerfällt, sie eindeutig zu unterscheiden.

Beim Antisemitismus haben wir es mit einem ganz ähnlichen Szenario zu tun. Einerseits ist erwiesen, dass man Antisemiten mit Argumenten nicht überzeugen kann. Zudem wissen wir, dass man die Sache der Antisemiten, indem man sich auf eine Diskussion mit ihnen einlässt, nur fördert, weil ihre Wahnvorstellungen dadurch in den Status diskussionswürdiger Argumente erhoben werden. Andererseits ist es infolge der tiefen Verankerung des Antisemitismus in westlichen und muslimischen Gesellschaften unvermeidlich, dass es zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine ganz erhebliche Anzahl von Menschen auf Erden gibt, denen die Gelegenheit, dieses Erbe zu verraten, noch nicht geboten wurde.

Ein Argument, das im Seminarraum im Rahmen einer produktiven Diskussion mit Studierenden, die man relativ gut kennt, durchaus hilfreich sein mag, kann sich bei dem Versuch, Antisemiten öffentlich Paroli zu bieten, als zutiefst schädlich erweisen.

Bei einem Großteil der Arbeit, die zurzeit zur Bekämpfung des Antisemitismus unternommen wird, besteht das grundlegende Problem, dass diese Unterscheidung gar nicht oder nicht hinreichend berücksichtigt wird. Immer wieder werden die beiden Dimensionen miteinander verwechselt, oder es wird der Versuch unternommen, beide Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ein Argument, das im Seminarraum im Rahmen einer produktiven Diskussion mit Studierenden, die man relativ gut kennt, durchaus hilfreich sein mag, kann sich bei dem Versuch, Antisemiten öffentlich Paroli zu bieten, als zutiefst schädlich erweisen. Daß ein bestimmtes Vorgehen sich bewährt hat, als man jemandem erstmals die Gelegenheit bot, das antisemitische Erbe der Gesellschaft auszuschlagen, heißt noch lange nicht, dass jemand, der diese Gelegenheit schon unzählige Male stur ignoriert hat, sich davon wird überzeugen lassen.

Diese Menschen (die antisemitische Positionen obendrein in der Regel wesentlich vehementer vertreten als es gesamtgesellschaftlich üblich ist) stellen ein ganz besonderes Problem dar. Ich habe in diesem Zusammenhang wiederholt von vorgegaukelter Ignoranz gesprochen. Wir leben in einer Welt, in der von allen verlangt wird, dass sie insbesondere beim Sexismus, beim Rassismus und bei Fragen der sexuellen Orientierung und Genderidentität ihre Sensibilität im Umgang mit einer Vielzahl von Mikroaggressionen nachweisen können. Doch wenn es um den Antisemitismus geht, soll man die übelsten Klopper raushauen und dann behaupten dürfen, man habe unmöglich wissen können, dass die betreffenden Aussagen antisemitisch seien. Die Antisemiten innerhalb und im Umfeld der britischen Labour Party haben so oft behauptet, wir würden in dieser Sache alle einen gemeinsamen Lernprozess durchlaufen, dass mir völlig unklar ist, wie man derartige Behauptungen je wieder wird ernst nehmen können.

Um unnötigen Missverständnissen vorzubeugen: So albern die woke crowd sich auch in diesem Kontext regelmäßig verhält, finde ich, dass man sich mit Mikroaggressionen durchaus ernsthaft auseinandersetzen soll. Als Schwuler bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der es einem angesichts all der allzu handfesten Makroaggressionen albern vorgekommen wäre, sich noch über Mikroaggressionen zu beklagen. Ich weiß nicht, wieviele Schwule es in meiner Generation gibt, die niemals mit antischwuler Gewalt (und oftmals auch der mangelnden Bereitschaft der Polizei, sie angemessen zu schützen) und krassen Formen der familialen und gesellschaftlichen Zurückweisung konfrontiert waren, allzu viele dürften es wohl nicht sein. Ich hoffe sehr, das junge Schwule dem heute zumindest in den westlichen Großstädten in geringerem Maße ausgesetzt sind und es sich eher leisten können, auch den relevanten Mikroaggressionen etwas entgegenzusetzen.

Versuche, gesellschaftliche Prozesse mit technologischen Veränderungen zu erklären, stehe ich in der Regel sehr skeptisch gegenüber, doch in diesem Fall hat der technologische Wandel das Problem meines Erachtens tatsächlich verschärft. Die sozialen Medien haben so viele von uns fest im Griff, und Milliarden Menschen können inzwischen mehr oder weniger jeden Vorgang nach Lust und Laune aufnehmen, filmen und posten. Die Unterscheidung des Privaten oder Halbprivaten (wozu ich Diskussionen im Seminarraum rechnen würde) vom Öffentlichen ist dadurch zunehmends beseitigt worden. Die durchaus schlagkräftige Feststellung, dass das Private politisch sei, ist inzwischen in den Zwang überführt worden, das Private müsse öffentlich sein. Im Übrigen kann keine Institution heute mehr damit rechnen, ohne nennenswerte Präsenz in den sozialen Medien lange fortbestehen zu können. Daher sind diejenigen, die (metaphorisch gesprochen) damit betraut sind, dem Nachwuchs den Glauben an den Weihnachtsmann abzugewöhnen, ständig gezwungen, ihre Produkte auf einem Marktplatz feilzubieten, auf dem sie dann letztlich, allen guten Absichten zum Trotz, den nimmer endenden Hunger der Antisemiten nach Anerkennung wenigstens etwas stillen helfen.

Ich selbst bringe auf Facebook und Twitter häufig meinen Ärger zum Ausdruck, eben weil ich in aller Regel davon ausgehe, dass die Menschen, deren Verhalten ich kommentiere, Antisemiten sind, die ich, ließe ich mich auf eine ernsthafte Diskussion mit ihnen ein, nur aufwerten würde. Es gibt nur eine angemessene Form der Kommunikation mit ihnen: Man muss sie eindeutig als das bezeichnen was sie sind, nämlich Antisemiten, und ihnen jede Form der „Diskussion“ verweigern. Das Vorgehen anderer scheint vorwiegend auf der Annahme zu beruhen, eben jene Leute, die ich nur mit Verachtung strafen würde, seien für Argumente zugänglich. Sie versuchen, Facebook und Twitter gewissermaßen zu einem ganz großen Seminarraum umzufunktionieren. Ich bin mir dabei ziemlich sicher, dass das Risiko, ich könnte Menschen, denen sich bislang noch nie die Gelegenheit bot, das antisemitische Erbe der Gesellschaft auszuschlagen, abschrecken, ungleich kleiner ist als die Gefahr, dass man Antisemiten aufwertet, indem man sie wie Kinder behandelt, die noch an den Weihnachtsmann glauben.

Die Antisemiten werden also ganz genau wissen, was ich meine, wenn ich sie mit Erwachsenen vergleiche, die immer noch glauben, dass der Weihnachtsmann existiert, obwohl ihnen immer wieder die Gelegenheit geboten wurde, sich vom Gegenteil zu überzeugen.

Als ich in diesem Zusammenhang erstmals die Analogie des Weihnachtsmannproblems bzw. der Weihnachtsmannklausel (also jener Ausnahme von der Regel, dass man mit Antisemiten nicht diskutiert) wählte, wusste ich nicht, dass die Antisemiten selbst mir zuvorgekommen waren. Auf dem Cover der Jahresübersicht des britischen Community Security Trust (CST) über antisemitische Vorfälle im Jahr 2015 ist eine antisemitische Weihnachtskarte abgebildet, die in jenem Jahr einer Abgeordneten des Unterhauses zugeschickt wurde. (Die Abbildung befindet sich auch in dem im Oktober 2016 vom Innenausschuss des Unterhauses veröffentlichten Bericht „Antisemitism in the UK“.) Sie zeigt eine erwachsene Person, die ein Kind fragt, ob es noch an den Weihnachtsmann glaube. Darauf fragt das Kind zurück, ob die erwachsene Person noch an den Holocaust glaube. Die Antisemiten werden also ganz genau wissen, was ich meine, wenn ich sie mit Erwachsenen vergleiche, die immer noch glauben, dass der Weihnachtsmann existiert, obwohl ihnen immer wieder die Gelegenheit geboten wurde, sich vom Gegenteil zu überzeugen.

Die „Clintonkluft“ als Verständnishilfe: Warum die allermeisten Auseinandersetzungen um den Antisemitismus ganz sinnlos sind

Paul Klee, Accent im Chaos, 1932, Feder auf Papier mit Leimtupfen auf Karton , 30,9 x 48,7 cm

Team A und Team B

Die folgende Taxonomie ist, wie alle anderen auch, nicht perfekt und deckt nicht wirklich alle denkbaren Fälle ab. Dennoch kann sie meines Erachtens zum besseren Verständnis des Sachverhalts einiges beitragen. Ich behaupte also, dass man die Menschen und Institutionen, die sich ihrer eigenen Auffassung zufolge auf kritische Weise mit dem Antisemitismus befassen, im Allgemeinen zwei Teams zuordnen kann, die ich Team A und Team B nennen werde. Anhand der folgenden Vergleichspunkte kann man die beiden Teams ohne allzu große Schwierigkeiten unterscheiden:

  • Wenn Angehörige von Team A Ausdrucksweisen des israelbezogenen Antisemitismus anprangern, kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgegangen werden, dass Angehörige von Team B darauf bestehen werden, es handele sich in Wirklichkeit nur um eine völlig legitime Form des Israelkritik. Nicht zuletzt, aber nicht nur, weil Team B das, was Team A für israelbezogenen Antisemitismus hält, nicht berücksichtigt, findet es, dass Team A die Bedeutung des Antisemitismus maßlos übertreibt (manche seiner Angehörigen werden sie sogar zu überzeugen versuchen, dass der Antisemitismus seit Jahren kontinuierlich abnimmt).
  • Während die Angehörigen von Team A in der Regel die Spezifizität des Antisemitismus betonen und darauf beharren, man müsse ihn primär als eigenständiges Phänomen auffassen, um ihn wirklich zu verstehen, neigen die Angehörigen von Team B dazu, ihn als Subkategorie des Rassismus oder des religiös motivierten Hasses bzw. einer Mischung aus beidem oder sonst irgendwelcher übergeordneter Kategorien aufzufassen.
  • Während die Angehörigen von Team A in der Regel auf der Singularität der Schoa bestehen und in ihr eine besonders gravierende Zäsur in der Zivilisationsgeschichte sehen, neigen die Angehörigen von Team B zu der Annahme, die Schoa sollte, ähnlich wie der Antisemitismus, vor allem als ein Verbrechen unter anderen im Kanon der rassistischen/kolonialen/imperialen oder sonstigen intersektionalen Formen der Gewalt betrachtet werden.
  • Die Angehörigen von Team A sind in der Regel eher intentionalistisch orientiert und betonen die dem Antisemitismus zugrundeliegenden persönlichen Entscheidungen und die persönliche Verantwortung für diese Entscheidungen stärker. Die Angehörigen von Team B sind dagegen eher strukturalistisch orientiert und konzentrieren sich stärker auf strukturelle Faktoren, die Individuen ihres Erachtens (mehr oder weniger) unabhängig von ihren Intentionen in bestimmte Richtungen lenken.
  • Die Angehörigen beider Teams sind sich in der Regel einig, dass man den Antisemitismus (wenn man darunter antisemitische Wahrnehmungen und Einstellungen versteht) nicht beseitigen kann, weil er gesellschaftlich viel zu tief verankert ist. Die Angehörigen von Team A folgern aus dieser Tatsache, dass man ihn schlagen sollte, wo immer er sich zeigt. Die Angehörigen von Team B dagegen folgern aus dieser Tatsache eher, dass man sorgsam auswählen muss, wo es sich lohnt, gegen den Antisemitismus vorzugehen; dass man den Antisemiten viel zu viel Aufmerksamkeit gewährt und mögliche Verbündete verschreckt, wenn man bei jedem Ausdruck von Antisemitismus gleich hinlangt; und dass es schlimm genug ist, dass man sich mit dem Antisemitismus ohnehin abfinden muss, und man sich dadurch nicht obendrein noch verschiedener politischer Optionen berauben lassen will, nur weil diese ein Antisemitismusproblem haben. Die Angehörigen von Team A wirken folglich immer leicht manisch und obsessiv. Die Angehörigen von Team B sind da wesentlich lockerer und es scheint ihnen stets (zumindest leicht) peinlich zu sein, wenn der Eindruck entsteht, sie würden doch wieder ihr Steckenpferd reiten und sich über Antisemitismus aufregen, obwohl weder Leib noch Leben ganz unmittelbar bedroht sind.

In der Wissenschaft hat Team B Team A inzwischen weitestgehend verdrängt, und wichtige Vorzeigeinstitutionen wie das Pears Institute for the Study of Antisemitism in London und das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin haben sich der Agenda von Team B mit großer Leidenschaft verschrieben.

Sieht man von der Frage des israelbezogenen Antisemitismus einmal ab, sind all diese Gegensätze nicht ganz so eindeutig, wie sie erscheinen mögen. Niemand in Team A würde bestreiten, dass der Antisemitismus auch bestimmte generische Eigenschaften mit anderen Formen des ‚othering‘ teilt. Beide Teams stellt die Frage der Singularität der Schoa vor Herausforderungen. Beharrt man darauf, dass die Schoa sich wirklich von allem unterscheidet, was ansonsten stattgefunden hat oder je stattfinden wird, erübrigt sich der von Adorno identifizierte neue kategorische Imperativ, den Auschwitz der Menschheit beschert hat, da er nie zur Anwendung käme. Geht man andererseits davon aus, dass die Schoa eines von unzähligen Verbrechen sei, verliert sie ihren Wert als Symbol und Quelle der Legitimation. Je mehr Phänomene man in den gleichen Topf wie Auschwitz wirft, desto weniger gewinnt man dadurch, dass man sie (in welchem Maße auch immer) mit Auschwitz gleichsetzt. Gerade postkoloniale Theorieansätze leiden an diesem Widerspruch zwischen der Behauptung, alles sei ebenso schlimm wie Auschwitz, und der teils beabsichtigten, teils unbeabsichtigten Konsequenz, dass Auschwitz offenbar auch nicht schlimmer als alles andere war. Hegelianisch ausgedrückt, könnte man vielleicht sagen, die Schoa stelle uns vor ein komplexes Problem der Dialektik der Identität und Nichtidentität mit unserer eigenen Wirklichkeit. Schließlich würde auch niemand in Team A bestreiten, dass Individuen beim Treffen ihrer persönlichen Entscheidungen und in der Wahrnehmung ihrer persönlichen Verantwortung in erheblichem Maße von zahlreichen strukturellen Faktoren beeinflusst werden. Wie bei so vielen Sachverhalten, geht es auch hier nicht wirklich um entweder/oder-Fragen, sonder darum, in welchem Maße beides eine Rolle spielt. Sicher gibt es Angehörige beider Teams, die mitunter absurde Extrempositionen vor(ge)tragen (haben). Allerdings kommt dies in Team B weit häufiger vor. Selbst dann sind die Angehörigen von Team A wenigstens noch immer mit dem Antisemitismus befasst, während Angehörige von Team B immer wieder eine ungeheure Kunstfertigkeit darin bewiesen haben, ihn gänzlich zum Verschwinden zu bringen, auch wenn sie seinen Namen gelegentlich noch im Munde führen.

Israelbezogener Antisemitismus

Beim israelbezogenen Antisemitismus, um den es mir hier in erster Linie geht, liegen die Dinge dagegen wesentlich einfacher. In dieser Hinsicht hat die berühmt-berüchtigte IHRA Antisemitismusdefinition (womit immer die Definition und die mit ihr bereitgestellten Beispiele gemeint sind) Wunder gewirkt. Zum einen benennt sie spezifische Arten von Aussagen über Israel, die antisemitisch sind, und bietet damit eine Art Checkliste. Zweitens hat die explizite Klarstellung, dass „Kritik an Israel, die mit der an anderen Ländern vergleichbar ist, nicht als antisemitisch“ gilt, eine Klarstellung, die man ja auch für eine recht unappetitliche apologetische Schutzbehauptung halten könnte, sich als ganz großer Wurf erwiesen. Sie entlarvt den Antisemitismus, der all den endlosen Klagen, die Definition verunmögliche legitime Kritik an Israel, zwangsläufig innewohnt, denn diese Klage können ja nur jene geltend machen, die meinen, man solle an Israel tatsächlich andere Maßstäbe als an andere vergleichbare Fälle anlegen. Wer das nicht will, braucht sich um die Definition gar keine Sorgen zu machen.

Meine Kernthese lautet nun, dass infolge des scharfen Gegensatzes in Sachen israelbezogener Antisemitismus mindestens 80 Prozent aller relevanten Auseinandersetzungen völlig sinnlos und die reinste Zeitverschwendung sind, da die Angehörigen der beiden Teams nur immer wieder aufs Neue aneinander vorbeireden.

Meine Kernthese lautet nun, dass infolge des scharfen Gegensatzes in Sachen israelbezogener Antisemitismus mindestens 80 Prozent aller relevanten Auseinandersetzungen völlig sinnlos und die reinste Zeitverschwendung sind, da die Angehörigen der beiden Teams nur immer wieder aufs Neue aneinander vorbeireden.

Die Clintonkluft

Um diesen Sachverhalt zu illustrieren, beziehe ich mich zur Veranschaulichung auf Bill Clintons umwerfende Behauptung, folgte man der von seinen Anklägern vorgelegten Definition, habe Monica Lewinsky zwar mit ihm, er aber nicht mit ihr Sex gehabt. Einmal davon abgesehen, dass sie eingängig und einprägsam ist, wähle ich diese Analogie, weil sie mehrere Probleme illustriert, mit denen wir es im Zusammenhang mit dem israelbezogenen Antisemitismus auch zu tun haben.

  • Erstens gibt es nicht allzu viele ähnlich gut dokumentierte und weithin bekannte Behauptungen, die ähnlich absurd sind.
  • Zweitens kann es einerseits gut sein, dass Clinton wirklich davon überzeugt war, seine sexuelle Interaktion mit Lewinsky habe keinen ‚richtigen‘ Sex dargestellt, da er ihre Vagina nicht mit seinem Penis penetriert hatte, doch wusste er zugleich ganz genau, dass er den Sinn der Fragen, die man ihm gestellt hatte, absichtlich entstellt hatte.
  • Drittens verdient die Mischung aus Empörung und Selbstgefälligkeit, mit der er an seiner so offensichtlich absurden Behauptung festhielt, Beachtung.

Alle drei Faktoren werden jedem, der schon einmal an einer kontroversen Diskussion zum Thema Antisemitismus beteiligt war, nur allzu bekannt vorkommen. Dummerweise leidet die Beweiskraft dieser Analogie daran, dass ich Clintons Verhalten für eine perfekte Illustration der absurden Vorgehensweise halte, mit der die Angehörigen von Team B den israelbezogenen Antisemitismus leugnen, diese selbst mein Verhalten aber auf gleiche Weise charakterisieren würden. Die Reichweite der formalen Analogie wird von der Frage, wer Recht hat, eindeutig begrenzt. Als Schwuler, der sich seit seiner Geburt keiner Vagina mehr genähert hat, mag ich vielleicht nicht beurteilen können, was ‚richtiger‘ heterosexueller Sex ist. Mit Gewissheit kann ich aber sagen, dass niemand mich je davon wird überzeugen können, Clintons Behauptung, er habe, während Lewinsky mit ihm Sex hatte, keinen Sex mit ihr gehabt, sei irgendwie ernst zu nehmen. So oder so zeigt die Analogie aber sehr gut, warum es wirklich keinen Sinn hat darauf zu hoffen, die beiden Teams könnten sich in Sachen israelbezogener Antisemitismus je einigen.

Spielen wir den Sachverhalt einmal gedanklich durch. Sagen wir, ich, der ich Team A angehöre, schlage Alarm, weil eine bestimmte Äußerung oder Verhaltensweise meines Erachtens ein Ausdruck israelbezogenen Antisemitismus ist. In aller Regel werden die Urheber der Äußerung oder des betreffenden Verhaltens keineswegs ableugnen, dass sie das, was ich ihnen vorwerfe, in der Tat gesagt oder getan haben, ja, oftmals werden sie es mit großen Stolz zugeben.

An dieser Stelle eine kleine Abschweifung: In dieser Hinsicht ist die jüngste Kontroverse um Mbembe durchaus ungewöhnlich, angefangen damit, dass Mbembe selbst mit Blick auf die Dinge, die er gesagt, geschrieben und getan hat, wiederholt schlicht gelogen hat. Seine Verteidiger sind meist wie jener Dieb vorgegangen, der zunächst behauptet, er habe den betreffenden Gegenstand gar nicht an sich genommen, sollte er ihn aber doch an sich genommen habe, habe er ihm ohnehin gehört, und wenn der Buchstabe des Gesetzes die Behauptung, er sei der rechtmäßige Besitzer des Gegenstands gewesen, nicht bestätigen sollte, so doch gewiss der Geist des Gesetzes, oder aber das Gesetz widerspricht eben dem Naturrecht, zumal der Richter doch die mildernden Umstände berücksichtigen müsse bzw., da es keine mildernden Umstände gebe, immerhin berücksichtigen, welche Not es seiner Familie bereiten würde, sollte er bestraft werden bzw., da er keine Familie hat, wieviel schwerer es für ihn dann sein würde, eine Familie zu gründen, was er zwar nicht beabsichtige, doch müsste der Richter doch eigentlich von dem Erfindungsreichtum, mit dem er, der Angeklagte, seine Verteidigung betrieben habe, inzwischen hinreichend beeindruckt sein, um ihn ganz unabhängig von den Tatsachen freizusprechen. Mbembe hat das nicht gesagt, geschrieben, getan, hieß es. Nun gut, er hat das doch gesagt, geschrieben, getan, es ist aber falsch interpretiert worden. Nun gut, es ist nicht falsch interpretiert worden, doch ist das seinem eigentlich Werk alles ganz äußerlich. Nun gut, tatsächlich spielen diese Dinge in seinem Werk eine ganz zentrale Rolle, aber das ist nicht so schlimm, denn der Mann kommt aus Afrika, und wer seine guten Absichten anzweifelt, kann nur ein Rassist sein. Überhaupt sind seine Kritiker alle Neonazis, wodurch ihre Behauptungen automatisch jeden Wert verlieren, ganz gleich, wie wahr sie sind. Und selbst wenn die Beschuldigungen bei Mbembe wirklich zutreffen, schafft man, wenn man das offen ausspricht, nicht ein Klima, in dem andere allzu leicht auch zu Unrecht beschuldigt werden könnten? Also mal ganz im Ernst, wenn man nicht einmal mehr behaupten kann, alle Schlechtigkeit der Welt rühre von der biblischen Religion der Juden her, und nichts und niemand verkörpere diese Schlechtigkeit der Welt so wie Israel, ohne gleich als Antisemit abgetan zu werden, dann ist die Redefreiheit doch längst tot. Und immer so weiter. Ende der Abschweifung.

Im Regelfall also werden diejenigen, die ich des israelbezogenen Antisemitismus beschuldigen würde, keineswegs bestreiten, dass sie für die betreffende Äußerung oder Handlung verantwortlich sind, sehr wohl aber, dass die betreffende Äußerung oder Handlung auch nur das geringste mit Antisemitismus zu tun habe. Würde ich nun behaupten, Angehörige von Team B würden, indem sie sich dieser Ansicht anschließen, Antisemitismusrelativierung, -minimierung oder -leugnung betreiben, würden diese das als eine unsinnige Äußerung weit von sich weisen und das, aus ihrer Sicht, völlig zu Recht. Denn aus ihrer Sicht war ja in dem betreffenden Fall gar kein Antisemitismus zu verzeichnen, wie also hätten sie den nicht vorhandenen Antisemitismus denn relativieren, minimieren oder leugnen können? Man könnte gerade so gut ein gemischte Gruppe aus Schwulen und Heteros in einen Raum sperren und ihnen sagen, sie würden erst wieder herausgelassen, wenn sie sich darauf geeinigt hätten, ob Männer oder Frauen sexuell attraktiver seien. Allerdings versagt auch diese Analogie, wenn man von der Form zum Inhalt wechselt. Mit den Jahren habe ich mich zwar mit dem Gedanken angefreundet, dass das Begehren heterosexueller Männer unter bestimmten Umständen vielleicht auch eine legitime Option darstellen kann, in der Frage des israelbezogenen Antisemitismus dagegen hat Team A unzweifelhaft Recht und Team B ebenso unzweifelhaft Unrecht.

Mit Hilfe der Clintonkluft lässt sich auch leicht erklären, warum die allermeisten (oftmals hitzigen) Auseinandersetzungen über den Antisemitismus in der Labour Party völlig sinnlos waren und sind. Von entscheidender Bedeutung ist es dabei zu begreifen, dass das Verhalten der zahlreichen Antisemiten innerhalb und im Umfeld der Labour Party zwei scheinbar widersprüchliche Dimensionen vereint. Zum einen ist es von dem Bedürfnis getragen, Tabus zu brechen, mutwillig und demonstrativ Dinge zu äußern und zu tun, von denen sie ganz genau wissen, dass andere sie für antisemitisch halten. Und dennoch lügen sie nicht bewusst, wenn sie im Brustton der Überzeugung darauf bestehen, ihr Verhalten habe mit Antisemitismus aber auch nicht das Allergeringste zu tun. Sie verhalten sich, anders ausgedrückt, genauso wie Bill Clinton: Sie wissen ganz genau, dass sie an der an ihnen geäußerten Kritik mutwillig vorbei plappern, und sind dennoch von der Wahrhaftigkeit ihrer Schutzbehauptungen zutiefst überzeugt.

Wie erklärt es sich, dass Team B keine Alternative zur Antisemitismusdefinition der IHRA vorgelegt hat?

Wären die gleichen Leute gezwungen, statt einfach nur ihren Antisemitismus zu leugnen, den Nachweis zu erbringen, dass ihr Verhalten nicht gegen die in der Antisemitismusdefinition der IHRA dargelegten Standards verstößt, stünden sie plötzlich gänzlich nackt da. Darum hat diese Definition ja auch Unmengen wütende Abwehr provoziert. Dabei leistet sie genau das, was sie leisten soll: Sie setzt in einer kontroversen Frage eindeutige Standards. Ich persönlich finde, dass sie ihren Zweck ziemlich gut erfüllt, aber das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Die meisten Menschen wären durchaus fähig festzustellen, dass dieses oder jenes Verhalten zwar rechtlich untersagt sei, ihres Erachtens aber legalisiert werden sollte, ohne darum gleich Herzrhythmusstörungen zu bekommen oder in Ohnmacht zu fallen, geschweige denn zu verlangen, das gesamte Strafgesetzbuch müsse auf der Stelle außer Kraft gesetzt werden. Analog gibt es auch keinen Grund, warum Angehörige von Team B nicht sollten leidenschaftslos einräumen können, dass bestimmte Äußerungen und Verhaltensweisen von der Antisemitismusdefinition der IHRA als antisemitisch bezeichnet werden, obwohl sie selbst finden, dass das ein Fehler ist. Das würde immerhin gewährleisten, dass alle Parteien tatsächlich wissen, was denn eigentlich zur Diskussion steht, auch und gerade, wenn ihre Interpretationen dann voneinander abweichen.

Es ist bezeichnend, das Angehörige von Team B sich zwar immer wieder große Mühe gegeben haben, die Antisemitismusdefinition des IHRA nach Kräften zu desavouieren, es bis heute aber keine breit unterstützte Initiative gegeben hat, eine alternative Definition zu entwickeln und offensiv zu propagieren. Das liegt daran, dass Team B (vorerst noch) nur gedeihen kann, solange es sich darauf beschränkt, Verwirrung zu stiften, und über Andeutungen und Unterstellungen möglichst nicht hinausgeht. Daher wäre eine ihren so wortreich und leidenschaftlich vorgetragenen Bedenken Rechnung tragende alternative Antisemitismusdefinition, einfach, weil auch sie wohl oder übel irgendwelche mehr oder weniger klar umrissenen Maßstäbe setzen müsste, aus ihrer Sicht gerade so schädlich wie jene der IHRA.

Würden die Angehörigen von Team B, anstatt immer bloß Team A und der Antisemitismusdefinition der IHRA vorzuwerfen, sie zögen die Trennungslinie zwischen legitimer Kritik an Israel und dem israelbezogenen Antisemitismus an der falschen Stelle, gezwungen, selbst zu bezeichnen wo diese Linie denn ihres Erachtens gezogen werden sollte, wäre das Ergebnis vermutlich für all beteiligten Parteien in hohem Maße erhellend. Was sich ohnehin schon bedrohlich deutlich abzeichnet, würde dann in aller Eindeutigkeit hervortreten, dass nämlich allzu viele Angehörige von Team B der Auffassung sind, es müsse gestattet sein, Israel das Recht abzusprechen, als jüdischer Staat in sicheren Grenzen, die es im Ernstfall tatsächlich verteidigen könnte, zu existieren, ja sogar, die vollständige Beseitigung des jüdischen Staats Israel zu fordern, ohne darum als Antisemit zu gelten. Solange es noch nicht als völlig opportun gilt, diese Dinge laut auszusprechen, stellt das unaufhörliche Infragestellen der Antisemitismusdefinition der IHRA die nächstbeste Option dar.

Allzu viele Angehörige von Team B sind der Auffassung, es müsse gestattet sein, Israel das Recht abzusprechen, als jüdischer Staat in sicheren Grenzen, die es im Ernstfall tatsächlich verteidigen könnte, zu existieren, ja sogar, die vollständige Beseitigung des jüdischen Staats Israel zu fordern, ohne darum als Antisemit zu gelten. Solange es noch nicht als völlig opportun gilt, diese Dinge laut auszusprechen, stellt das unaufhörliche Infragestellen der Antisemitismusdefinition der IHRA die nächstbeste Option dar.

Konsequenzen

Jetzt mal ganz ehrlich: Wann haben sie zuletzt im Zusammenhang mit einer entsprechenden Kontroverse etwas gehört oder gelesen, das dem, was sie auf Anhieb gewusst hätten, wenn der Urheber der entsprechenden Äußerungen ihnen nichts anderes mitgeteilt hätte, als dass er oder sie eher Team A als Team B (oder umgekehrt) zuneige, wirklich noch etwas Lohnenswertes hinzugefügt hat? Mir ist zwar bewusst, dass zahlreiche Experten und öffentliche Intellektuelle mit diesem Geschäft einiges an Geld erwirtschaften, aber stellen sie sich doch einfach mal vor, was wir an Zeit, Mühe und Ressourcen sparen und produktiver einsetzen könnten, wenn in Zukunft jeder, der versucht ist, sich zu einem spezifischen antisemitischen Vorfall zu äußern, es dabei bewenden ließe, klarzustellen, dass er auch dieses Mal wieder auf der Seite von Team A oder B ist, und nur dann noch etwas hinzufügte, wenn damit wirklich etwas ausgeführt wird, was durch die anfängliche Klarstellung nicht bereits abgedeckt wurde; wenn wir einander versprechen würden, uns nur noch dann detailliert zu äußern, wenn der Fall wirklich einmal nicht klar ist, beispielsweise, wenn ein Vorfall sich auch mit Hilfe der Antisemitismusdefinition der IHRA nicht eindeutig zuordnen lässt. Gehörte ich Team B an, bräuchte ich in den allermeisten Fällen bloß zu bestätigen, dass der betreffende Sachverhalt zwar der Antisemitismusdefinition der IHRA zufolge antisemitisch sei, ich aber bekanntlich ein Gegner der Definition sei. Umgekehrt werden die Vertreter von Team A die Angehörigen von Team B eh nie von ihrem Irrglauben abbringen können und tragen, indem sie es immer wieder versuchen, nur dazu bei, deren Irrglauben noch als diskussionswürdigen Standpunkt zu legitimieren. Denn auch hier muss zwischen der formalen und inhaltlichen Ebene unterschieden werden. Die Leute von Team B meinen zwar, es sei Team A, das dem Irrglauben verfallen sei, doch hat Team A eben Recht und Team B Unrecht.

Wenn es ihnen in Wirklichkeit nur darum geht, die einmal erarbeiteten, immer gleichen, schon anlässlich der letzten siebentausend antisemitischen Vorfälle wiederholten Bemerkungen zum Antisemitismus auch in Zukunft bei jeder geeigneten und ungeeigneten Gelegenheit nochmals zu wiederholen, würde ich vorschlagen, dass sie die betreffenden Bemerkungen einmal an einem leicht zugänglichen Ort veröffentlichen. Dann kann man Interessierte anlässlich jeder neuen Kontroverse einfach an diesen Ort schicken. Kommt der nächste antisemitische Skandal (woran ja kein Zweifel bestehen kann), können sie die Öffentlichkeit dann einfach darauf hinweisen, dass ihre Bemerkungen an diesem Ort weiterhin leicht zugänglich sind. So brauchen sie ihre Zeit nicht darauf zu verschwenden, so zu tun, als seien ihre Bemerkungen nie aktueller und gültiger gewesen als gerade in diesem Fall. Diejenigen, die ihnen zustimmen würden, brauchen ihre Zeit nicht darauf zu verschwenden nachzusehen, ob sie dieses Mal womöglich doch etwas Neues geäußert haben. Diejenigen, die ihnen nicht zustimmen würden, brauchen ihre Zeit nicht darauf zu verschwenden nachzusehen, ob sie ihren Standpunkt plötzlich verändert haben. Und niemand muss so tun, als glaubten wir, einander umstimmen zu können, indem wir immer wieder den gleichen Tanz aufführen. Dass die Angehörigen von Team B mit der bisher gängigen Praxis ganz gut leben können, leuchtet mir noch halbwegs ein. Die Angehörigen von Team A aber, sofern sie sich selbst ernst nehmen, müssten sich doch eigentlich viel zu viele Sorgen um die tatsächlich sehr ernsthafte vom Antisemitismus ausgehende Bedrohung machen, um diese sinnlose Zeitverschwendung fortzusetzen.

Ja aber, höre ich sie fragen, warum halte ich denn dann nicht endlich die Klappe? Auf diese Frage habe ich zur Abwechslung mal eine wirklich ganz einfache Antwort: Weil ich gerade dabei bin, mit diesem Blog jenen einfach zugänglichen Ort zu schaffen, an den ich sie anlässlich der nächsten siebentausend Antisemitismusskandale zu schicken gedenke, es sei denn, es gäbe wirklich einmal etwas Neues zu sagen.

Forschung oder Propaganda?

Paul Klee, Analÿse verschiedener Perversitäten, 1922, Feder und Aquarell auf Papier und Karton, 24 x 31 cm

Pleiten, Pech & Pannen in der EVZ/Pears Institute-Studie „Antisemitismus und Immigration im heutigen Westeuropa“

Dieser Text ist Teil einer grundsätzlicheren Kritik an der Arbeit des Pears Institute for the Study of Antisemitism in London, einem An-Institut am Birkbeck College (University of London), das in diesem Jahr seit zehn Jahren besteht. Hier geht es mir um die 2018 veröffentlichte Metastudie „Antisemitismus und Immigration im heutigen Westeuropa. Gibt es einen Zusammenhang? Ergebnisse und Empfehlungen einer Studie aus fünf Ländern“. Sie fasst die Ergebnisse eines größeren von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) in Auftrag gegebenen und vom Direktor des Pears Institute David Feldman geleiteten, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung durchgeführten Forschungsprojekts zusammen.

Die Schlussfolgerungen dieser Metastudie sind zwar verschiedentlich auf der politischen Ebene kritisiert worden, doch scheint sich bislang kaum jemand ernsthaft mit ihrer Methodik, um die es mir hier in erster Linie geht, befasst zu haben. Allerdings wird sich recht bald zeigen, dass sich die Fragen ihrer Methodik nicht ohne weiteres von der politischen Ausrichtung der Studie trennen lassen. Ich wollte diese Kritik eigentlich gleich nach Erscheinen der Studie verfassen, hielt es aber für unwahrscheinlich, dass ich sie irgendwo würde veröffentlichen können. Daher habe ich die folgenden kritischen Bemerkungen erst jetzt zusammengestellt, da ich das Ergebnis in meinem Blog veröffentlichen kann. Immerhin hat das den Vorteil, dass ich mich nicht auf Euphemismen verlegen muss, um die Kritik irgendwie durch die peer review zu schmuggeln, und die ganze Sache auf eine etwas unterhaltsamere Weise vortragen kann, die vielleicht auch einem breiteren Publikum zugänglich ist. Im Übrigen ist diese Diskussion wie gesagt Teil einer umfassenderen Kritik am Pears Institute. Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass ich diese nicht unternehme, um den Kollegen des Pears Institute mutwillig das Leben schwer zu machen, sondern weil ich glaube, durch meine Kritik mit Blick auf die Erforschung des Antisemitismus, momentane Bestrebungen, ihn zu bekämpfen, und den Zusammenhang zwischen beidem, auf wichtige Fragen hinweisen zu können.

Ich gehöre gewiss nicht zu jenen, die von sich behaupten würden, sie seien irgendwie „objektiv“, und ich bin keineswegs ein Gegner der parteiischen Wissenschaft. Andernfalls müsste ich auch all meine eigenen Arbeiten in Bausch und Bogen verwerfen. Mit parteiischer Wissenschaft haben wir es allerdings nur zu tun, wenn sie nicht nur parteiisch, sondern auch wissenschaftlich ist, sich also transparenten methodologischen Standards verpflichtet weiß, und ihre Schlussfolgerungen nicht einfach nur in den Raum stellt, sondern zeigt, warum die eigenen Schlüsse plausibler sind als die Alternativen.

Mit parteiischer Wissenschaft haben wir es allerdings nur zu tun, wenn sie nicht nur parteiisch, sondern auch wissenschaftlich ist.

Es spricht auch gar nichts dagegen, Forschungsvorhaben durchzuführen, um eine bestimmte bereits bestehende Annahme zu bestätigen. Dieses Vorgehen dürfte wohl eher die Regel als die Ausnahme darstellen, auch wenn Wissenschaftlicher dies oftmals weder sich selbst noch anderen gegenüber zugeben mögen. Allerdings muss man sehr genau darüber nachdenken, wie die eigenen bereits bestehenden Annahmen die eigene Wahrnehmung womöglich auf problematische Weise beeinflussen und einen in Versuchung führen könnte, die eigene Argumentation kurzzuschließen und Tatsachen anzuführen, die sich zwar auf den ersten Blick mit den eigenen Annahmen zu decken scheinen, diese aber bei genauerer Untersuchung nicht wirklich belegen.

Dass man sich aus Datenbeständen Rosinen herauspickt, die andere anders eingeschätzt haben als man selbst, gehört auch zum völlig legitimen Handwerk. Oftmals führt die Frage, warum unterschiedliche Wissenschaftler ein und denselben Datenbestand unterschiedlich ausgewertet haben, sogar zu besonders instruktiven Beobachtungen (womit ich allerdings keinesfalls sagen will, jede Interpretation sei gerade so gut wie jede andere). Problematisch wird das Ganze jedoch, wenn man sich auch unter den Interpretationen die Rosinen herauspickt. Wenn ein und derselbe Autor bzw. ein und dieselbe Publikation mit Blick auf den gleichen Kontext und auf Grundlage der gleichen Daten sowohl Schlüsse zieht, die einem passen, als auch solche, die einem widerstreben, besteht immerhin die Gefahr, dass auch die vermeintlich korrekte Schlussfolgerung auf einer fehlerhaften Ableitung beruht.

Schließlich sollte man sich zu seinen eigenen Intentionen unumwunden bekennen. Wenn mir Schumann wesentlich mehr zusagt, ich aber aus irgendwelchen Gründen gezwungen bin oder mich verpflichtet fühle, ein Buch über Schubert zu schreiben, sollte es dann wirklich ein Buch über Schubert sein und nicht ein Manifesto, das den Lesern Schumanns Überlegenheit einbläut und ihnen erklärt, dass ein Buch über Schubert sie gar nicht zu interessieren habe.

Es wäre töricht von mir, verbergen zu wollen, dass ich in der Tat davon ausgehe, dass Feldman und seine Kollegen dazu geneigt haben, und es auch von vornherein darauf anlegten, die Bedeutung des Antisemitismus unter muslimischen Migranten in Westeuropa im Allgemeinen und den in den Jahren 2014 bis 2016 eingewanderten Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak im Besonderen klein zu reden. Allerdings wäre fast alles, was ich im Folgenden zu sagen habe, auch dann gültig, wenn ich mit Feldman und seinen Kollegen in jeder Nuance übereinstimmen würde. In öffentlichen Debatten und der politischen Auseinandersetzung mag es zu viel verlangt sein, dass ‚richtige‘ Schlussfolgerungen nicht auf falschen Ableitungen beruhen dürfen, doch unter Geistes- und Sozialwissenschaftlern können Schlussfolgerungen, die auf falschen Ableitungen beruhen, nicht richtig sein.

Framing

Den forschen Ton von Feldmans Metastudie kann man schwer übersehen. Ein Vergleich zwischen dem ersten Zug Feldmans und dem von Günther Jikeli in seiner teilweise ähnlich gelagerten Studie Einstellungen von Geflüchteten aus Syrien und dem Irak zu Integration, Identität, Juden und Shoah mag ihn in ein noch schärferes Licht rücken. Feldman beginnt wie folgt:

Zuwanderer, die aus der Region Nahost und Nordafrika nach Europa kommen, bilden seit 2011 das symbolische Zentrum der Migrationsdebatte. … Im Rahmen dieser Debatte wird immer wieder geäußert, dass neue Migranten, und insbesondere Zuwanderer aus der Region Nahost und Nordafrika (MENA-Migranten), Antisemitismus mit nach Europa brächten. Diese Behauptung wird in verschiedenen Ländern in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlichen Formen geäußert. Dennoch ist die Verknüpfung von zunehmendem Antisemitismus mit Zuwanderern aus Nahost und Nordafrika in Europa weit verbreitet und muss evaluiert werden (S. 7).

Und hier Jikeli zum Vergleich (p. 4):

Der Anstieg von Antisemitismus in Deutschland und weltweit führt zu einer großen Beunruhigung … Antisemitismus lässt sich nicht auf einzelne gesellschaftliche Gruppen beschränken. Er findet sich sowohl im rechten und linken politischen Spektrum als auch in der gesellschaftlichen Mitte. Auch Zuwanderer sind nicht frei von Antisemitismus. … Vor dem Hintergrund, dass eine relativ große Zahl von Geflüchteten aus Ländern kommt, in denen Judenhass Teil der staatlichen Propaganda und Schulbildung ist, stellt sich aber die berechtigte Frage, ob die Gefahr des Antisemitismus mit den jüngsten Zuwanderern steigt und wenn ja, was getan werden kann, um dem zu begegnen.

Der Eindruck, der sich bei der Lektüre von Feldmans Metastudie eh aufdrängt, ist hier umso deutlicher zu spüren. Für Feldman ist es nicht der mögliche Antisemitismus eines Teils der Migranten oder Flüchtlinge, der das Problem darstellt, sondern die Behauptung, dass dieser Antisemitismus (den er natürlich auch nicht leugnen kann) Beachtung verdient. Sein eigentlicher Bezugsrahmen ist die „Migrationsdebatte“ und deren ‚Symbolik‘. Dagegen sieht Jikeli das Problem im möglichen Antisemitismus unter Flüchtlingen und dessen möglicher Bedeutung. Feldman will einer seines Erachtens rassistische Wahrnehmungsweise diskreditieren, Jikeli will herausfinden, ob Antisemitismus unter den Flüchtlingen tatsächlich ein Problem darstellt und, falls ja, was dagegen getan werden könnte.

Nun gibt es ja mindestens zwei weitere entscheidende Unterschiede zwischen diesen beiden Studien. Zum einen geht Feldman davon aus, dass der Antisemitismus in den letzten Jahren nicht nur nicht zugenommen, sondern in Wirklichkeit abgenommen hat. Er räumt zwar ein, dass etliche Juden und jüdische Organisationen das anders sehen, doch ist er sich sicher, dass relevante Statistiken seine Annahme bestätigen. Damit wird Jikeli umgehend zum Panikmacher, da sein Ansatzpunkt ja die Sorge um einen vermeintlichen Anstieg des Antisemitismus ist, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Zum andern war das von Feldman geleitete Forschungsprojekt wesentlich breiter angelegt als Jikelis Studie. Man kann sich ganz gut vorstellen, was sich da zugetragen hat. Zunächst gab es schon seit Längerem eine Diskussion darüber, welche Auswirkungen die seit Jahrzehnten stattfindende vermehrte Einwanderung von Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern haben könnten. Dabei spielte der Antisemitismus meist eine untergeordnete Rolle, obwohl die islamistischen Terroranschläge auf jüdische Individuen und Einrichtungen in Westeuropa im letzten Jahrzehnt gelegentlich etwas mehr Aufmerksamkeit auf ihn lenkten. (Da es sich hierbei um eine deskriptive und nicht um eine normative Aussage handelt, brauche ich mich zum Verhältnis von Islam und Islamismus an dieser Stelle nicht zu äußern.) Dann fand vor allem 2015 die Masseneinwanderung von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und Irak statt, die verstärkt zu Sorgen um deren möglichen bzw. wahrscheinlichen Antisemitismus führte. Schließlich konnte ja niemand bestreiten, dass in deren Herkunftsländern antisemitische Wahnvorstellungen nicht nur für selbstverständliche Wahrheiten gehalten, sondern als solche auch systematisch propagiert und der Bevölkerung anerzogen werden. Es kommt ja wohl nicht von ungefähr, dass von den Beispielen, die Feldman für die seines Erachtens unbegründete Panikmache bezüglich der angeblichen Verbindung zwischen „Muslimen“ und Antisemitismus präsentiert, eines aus dem Jahr 2015 und die übrigen aus den Jahren 2016 und 2017 stammen.

Statt sich nun aber gezielt diesem Problem zuzuwenden, hat irgend ein inspiriertes Individuum oder eine begnadete Gruppe von Individuen sich gedacht, man könne die Gelegenheit, sich vor dem Hintergrund dieser aktuellen Debatte über die Flüchtlinge ein gut verkäufliches Forschungsprojekt fördern zu lassen, auch nutzen, um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Das konnte natürlich nur zu unnötiger Verwirrung führen. Wenn man eben angekommene Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in denselben Topf wirft wie Migranten aus der Türkei, die seit zwei oder drei Generationen in Deutschland leben, Migranten aus Algerien, Marokko und Tunesien, die seit zwei oder drei Generationen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden leben, und Migranten vom indischen Subkontinent, die seit zwei oder drei Generationen im Vereinigten Königreich leben, ist es ja nicht eben verwunderlich, wenn man am Ende über keine der betreffenden Gruppen wirklich etwas Genaues weiß. Es ist nicht ohne Ironie, dass damit eine Vorgehensweise gewählt wurde, der sonst die Kritik Feldmans und seiner Kollegen gilt: Es werden alle Muslime bzw. alle Migranten aus mehrheitlich muslimischen Ländern (ob Feldman diese Unterscheidungen verstehen würde, sei dahingestellt) in einen Topf geworfen.

Es ist nicht ohne Ironie, dass damit eine Vorgehensweise gewählt wurde, der sonst die Kritik Feldmans und seiner Kollegen gilt: Es werden alle Muslime bzw. alle Migranten aus mehrheitlich muslimischen Ländern (ob Feldman diese Unterscheidungen verstehen würde, sei dahingestellt) in einen Topf geworfen.

Für ihn hat diese Verfahrensweise drei entscheidende Vorteile.

  • Erstens wird das Gesamtbild umso verwirrender, je mehr Größen einbezogen werden. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, es ist ja immer gut, daran erinnert zu werden, dass auch Abweichungen von der Norm ernstgenommen werden müssen. In diesem Fall dienst es allerdings eher der gezielten Verwirrung: Die Leserin wird gewissermaßen solange mit einander abschwächenden oder widersprechenden Angaben beschossen, bis ihr potenzieller Widerspruchsgeist gebrochen ist.
  • Zweitens kann man, indem man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner eines Spektrums von Gruppen, deren Hintergrund und Umstände sich durchaus in nennenswertem Maße unterscheiden, konzentriert, all jene Fälle, in denen der Zeiger wirklich einmal deutlich ausschlägt, als extreme Ausnahmefälle abtun.
  • Drittens ermöglicht es einem diese Verfahrensweise, jene, die konkret Sorgen über den möglichen Antisemitismus der Flüchtlinge geäußert habe, unterschiedslos mit all jenen in einen Topf zu werfen, die auch zuvor schon aus allerlei Gründen Vorbehalte gegen die seit Jahrzehnten verstärkt stattfindende Einwanderung von Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern geäußert haben. Ehe man sich versieht, findet man sich, sofern man Feldman und seinen Kollegen ihre Botschaft nicht widerspruchslos abkauft, im gleichen Boot wie allerlei recht unappetitliche rechtsextreme Politiker und Parteien.

Feldmans eigentliche Intention verdeutlicht auch der Abschnitt „Gesellschaftliche und politische Konzentrationen“, in dem diskutiert werden soll, „ob es, ungeachtet des Gesamtbildes“, also des allgemeinen Rückzugs des Antisemitismus, „in bestimmten gesellschaftlichen oder politischen Gruppen einen hohen oder zunehmenden Grad an Antisemitismus gibt“ (S. 23). Es folgen zwei Unterabschnitte: „Muslime und Antisemitismus“ und „Antisemitismus und Rechtsextremismus“. Dass Feldman, der maßgeblich an dem von Shami Chakrabarti vorgenommenen Versuch, das Ausmaß des Antisemitismus in der Labour Party zu vertuschen, beteiligt war, sich sicher ist, dass es auf der Linken bestimmt nichts zu sehen gibt, kann kaum überraschen. Doch wie kommt der Abschnitt zu „Antisemitismus und Rechtsextremismus“ hierher, zumal die Studie ohnehin an jeder passenden und unpassenden Stelle darauf hinweist, dass die einzige wirkliche Gefahr vom rechtsextremen Antisemitismus ausgeht?

Es handelt sich hierbei um eine elaborate Form dessen, was man im Englischen whataboutism nennt, also den Impuls, auf Anwürfe, die einem selbst unangenehm sind, mit „ja, aber was ist mit…“ zu antworten, um so die Aufmerksamkeit auf das Ungenügen anderer umzulenken.

Es handelt sich hierbei um eine elaborate Form dessen, was man im Englischen whataboutism nennt, also den Impuls, auf Anwürfe, die einem selbst unangenehm sind, mit „ja, aber was ist mit…“ zu antworten, um so die Aufmerksamkeit auf das Ungenügen anderer umzulenken. In der Einleitung darauf hinzuweisen, dass man die Form des Antisemitismus, mit der man sich in dieser Studie befasst, nicht für die gefährlichste hält, ist ja das eine. Dass man diesen Hinweis dann mehrmals wiederholt, mag auch noch hingehen. Doch gleich einen ganzen eigenen Abschnitt zu der Form des Antisemitismus, um die es in dieser Studie nicht geht? Dass der durchschnittliche Antisemitismus unter muslimischen Migranten in Westeuropa den der Gesamtbevölkerung um ein vielfaches übersteigt, kann auch Feldman nicht bestreiten. Doch geht es ihm eben weder um diesen Antisemitismus noch um dessen Bedeutung. Man kann nur folgern, dass er es für völlig illegitim hält, diese Fragestellung überhaupt zu verfolgen, weil sie lediglich vom rechtsextremen Antisemitismus ablenkt und ihm damit letztlich zuarbeitet.

Hier noch ein weiteres Beispiel für die verschrobene Art, in der dieses Forschungsprojekt angelegt wurde. Nicht nur Feldman und seine Kollegen, sondern etliche Forscher, die in diesem Bereich tätig sind, empören sich regelmäßig über die „Behauptung“, die Flüchtlinge würden den Antisemitismus aus ihren Herkunftsländern „mitbringen“ oder „importieren“. Diese Behauptung ist offenbar niederträchtig im Extrem und zutiefst rassistisch. Aber ist es denn nicht völlig selbstverständlich, dass Menschen, wenn sie in ein anderes Land ziehen, allerlei Ansichten und Gewohnheiten mit sich bringen, so sehr die Integration in ihrem neuen Land diese dann verändern mag? Wir werden doch oft auf die wunderbaren Beiträge hingewiesen, die Migranten zu unserer Kultur leisten. Nur der Antisemitismus kommt offenbar nicht mit. Ich hole etwas aus: Deutschland produziert eigene Tomaten, importiert aber auch Tomaten aus anderen Ländern. Es importiert auch Gemüsesorten, die in Deutschland nicht gedeihen. Man kann doch einräumen, dass Deutschland exotische Früchte importiert, ohne damit die Existenz oder Bedeutung heimischer Tomaten in Abrede zu stellen. Erst eine gewissermaßen merkantilistische Sichtweise (es gibt nur ein endliches Maß an Kritik, wenn ich sie gegen eine Form des Antisemitismus einsetze, muss ich die anderen daher gewähren lassen) bzw. das Bedürfnis, gewissen Formen des Antisemitismus aus welchen Gründen auch immer die Bedeutung abzusprechen, lässt die Behauptung, Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak würden antisemitische Sichtweisen und Überzeugungen, die man ihnen dort nachweislich beizubringen versucht hat, in ihre neuen Ländern mitbringen oder importieren, bedenklich erscheinen. Dabei können wir uns einer Tatsache absolut sicher sein: An Formen des Antisemitismus, die wir bekämpfen können, wie es uns gewiß nie mangeln!

„Qualitätskontrolle“

Es bedarf noch einer weiteren Vorbemerkung. Sozialwissenschaftler legen großen Wert auf die Qualitätskontrolle. In unserem Zusammenhang bedeutet das zunächst einmal, dass Leute nicht einfach in der Weltgeschichte herumlaufen und sich mir nichts dir nichts als Laienantisemiten betätigen dürfen. Wer Antisemit sein will, muss dazu schon auf methodologisch saubere Art und Weise befugt sein, die Sache schon ernsthaft betreiben und es auch wirklich ernst meinen. Wer seine antisemitischen Wahnvorstellungen noch an einer Hand abzählen kann und all seine Besitztümer und das Leben seiner Liebsten nicht augenblicklich der Sache des Antisemitismus opfern würde, darf den Ehrentitel Antisemit nicht führen und muss sich erstmal richtig qualifizieren.

Wer seine antisemitischen Wahnvorstellungen noch an einer Hand abzählen kann und all seine Besitztümer und das Leben seiner Liebsten nicht augenblicklich der Sache des Antisemitismus opfern würde, darf den Ehrentitel Antisemit nicht führen und muss sich erstmal richtig qualifizieren.

Kurzum, wenn die Zeitungen über Umfragen zum Antisemitismus berichten, gilt dabei in der Regel nur als Antisemit, wer mindestens einem halben Dutzend antisemitischer Aussagen zugestimmt hat. Im Rahmen des ADL Global 100 Anti-Semitism Index, auf den Feldman sich positiv bezieht, müssen die Befragten beispielsweise bei einer Auswahl von elf antisemitischen Behauptungen mindestens sechs zustimmen. Zudem versuchen die Forscher oft auch die Intensität der jeweiligen Zustimmung zu erfassen. So gibt es bei einer einschlägigen deutschen Umfrage (ALLBUS 2006, 2012) sieben mögliche Stellungnahmen zu der Behauptung, die Juden übten weltweit zu viel Macht aus. Das nenne ich Genauigkeit!

Die Versuchung liegt nahe, die Schlussfolgerung umzukehren. Wie die Autoren einer 2017 veröffentlichten Broschüre der EKD, Antisemitismus: Vorurteile Ausgrenzungen Projektionen: Und was wir dagegen tun können, anmerkten, weisen „nur etwa elf Prozent der Deutschen … in Umfragen antisemitische Äußerungen vollständig zurück“ (S. 4). Jedenfalls führt diese Praxis dazu, dass Umfragen und Studien, bei denen die Befragten nicht der genügenden Anzahl antisemitischer Aussagen zugestimmt haben, leicht diskreditiert werden können. Ganz gleich, was man von dieser Konvention hält, müsste man sich aber darauf einigen können, dass man diesen Maßstab wenn, dann konsequent anwendet. Bei Feldman wird er aber, wie wir sehen werden, dann ins Feld geführt, wenn ein Befund ihm nicht passt, im umgekehrten Fall ist davon keine Rede.

Dies verweist obendrein auf einen weiteren wichtigen Punkt: In der wissenschaftlichen Sphäre tragen Sozialwissenschaftler ihre zutage geförderten Befunde in der Regel mit einer Vielzahl verschiedener Vorbehalte vor. Beispielsweise mag es Gründe geben anzunehmen, dass die Befragten nicht ehrlich antworteten, sondern gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden suchten. Nun besteht der Zweck einer Metastudie zugegebenermaßen nicht darin, die Aussagen der berücksichtigten Studien alle nochmals zu wiederholen, sondern sie zusammenzufassen. Dabei gehen viele der ursprünglichen Vorbehalte zwangsläufig verloren. Dennoch sollte auch hier gelten, dass die Berücksichtigung oder Nichtberücksichtigung spezifischer Vorbehalte auf transparente und konsequente Weise erfolgt. Ob die jeweiligen Vorbehalte einem in den Kram passen oder nicht, halte ich nicht für ein legitimes Auswahlprinzip, scheint aber Feldmans Kriterium gewesen zu sein. Außerdem sollte man vielleicht darüber nachdenken, wie forsch man sein sollte, wenn man sich auf Daten beruft, die mit gravierenden Vorbehalten präsentiert wurden.

Mir ist schon klar, dass die Leser dieser Diskussion mich so oder so für ziemlich obsessiv halten werden. Dennoch habe ich, so schwer es sein mag, die zu glauben, tatsächlich Besseres zu tun, als jeder möglichen oder tatsächlichen Ungenauigkeit in Feldmans Bericht detailliert nachzugehen. Im folgenden begrenze ich mich daher auf eine Auswahl von sieben besonders instruktiven Beispielen. Sie beziehen sich überwiegend auf Deutschland.

1 Beliebiges Geltendmachen von Kriterien

Vergleichen sie bitte die folgenden beiden Passagen aus Feldmans Bericht:

Eine Studie in der größten ethnischen Gruppe, derjenigen mit türkischem Hintergrund, ergab, dass 49 % der Befragten eine positive Haltung gegenüber Juden ausdrückten, während 21 % eine negative Haltung zeigten und 30 % eine neutrale Antwort gaben (S. 23/24).

In Bezug auf Antisemitismus unter Flüchtlingen liegen uns Daten aus einigen wenigen Studien vor. Eine davon befasste sich ausschließlich mit Bayern und ergab, dass die Mehrheit (55 %) der Flüchtlinge aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan der Aussage zustimmen, dass Juden in der Welt zu viel Einfluss haben (S. 29/30).

Dem nackten Auge dürften zwei Unterschiede auffallen. Erstens befassen sich die jeweiligen Studien mit unterschiedlichen Gruppen. Von den türkischen Migranten bzw. türkischstämmigen Deutschen, die bei der ersten Studie befragt wurden, waren 60 Prozent selbst nach Deutschland gekommen, lebten aber im Schnitt bereits seit 31 Jahren hier, die übrigen 40 Prozent waren bereits in Deutschland geboren worden.

Zweitens passt der erste Befund Feldman in den Kram, her zweite aber nicht. Also qualifiziert er den zweiten Befund wie folgt:

Wir sollten dabei jedoch berücksichtigen, dass, obwohl dies die Verbreitung eines bestimmten antisemitischen Gedankens belegt, es nicht die Kriterien erfüllt, die im Allgemeinen zur Identifizierung von „Antisemiten“ oder „Antisemitismus“ herangezogen werden (S. 30).

Zunächst fallen einem die Gänsefüßchen um „Antisemiten“ und „Antisemitismus“ auf. Etwas anderes ist aber wichtiger: Wieviele Fragen wurden wohl den türkischen Migranten bzw. türkischstämmigen Deutschen in der ersten Studie gestellt, deren Befund Feldman so gut gefällt (hierauf komme ich nochmals zurück)? Sie haben es erraten. Auch dieser Befund beruht auf bloß einer Frage und noch dazu auf einer Art von Frage, die kein ernstzunehmender Forscher zur Erfassung des Antisemitismus (worum es bei der betreffenden Umfrage auch gar nicht ging) einsetzen würde. Doch wen schert’s, wenn einem der Befund in den Kram passt? Streng genommen könnte man sogar sagen, den türkischen Migranten bzw. türkischstämmigen Deutschen in der ersten Studie sei nicht einmal eine ganze Frage gestellt worden, denn die betreffende Frage lautete: „Wie ist Ihre persönliche Haltung zu den Mitgliedern folgender Gruppen?“ Dabei ging es um vier Gruppen: „Menschen mit deutscher Herkunft“, Christen, Atheisten und Juden. Dass die Frage dadurch auf Juden als Angehörige einer anderen Religion fokussiert wurde, sollte uns nicht überraschen, der der Titel der betreffenden Studie lautet Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland.

Allerdings gibt es auch sonst noch einiges zu Feldmans Freude über die Haltung der türkischen Nichtflüchtlinge zu sagen:

  • Sie werden sich vielleicht entsinnen, dass Feldmans Bericht die Befunde von fünf länderspezifischen Studien zusammenfasst. In diesem Fall stammen die relevanten Daten aus Mathias Bereks Bericht zur Lage in Deutschland. Allerdings war Berek offenbar, gelinde gesagt, gar nicht aufgefallen, wie aussagekräftig die (laut Feldman) nichtantisemitische ‚Mehrheit‘ unter den befragten türkischen Migranten und türkischstämmigen Deutschen wirklich ist. Berek hatte den Befund wie folgt zusammengefasst: A survey among the biggest group of Muslims in Germany, with a Turkish background, supports the finding of a widespread enmity towards Jews: while 49% of the interviewees expressed a positive stance to Jews, 21% adopted a negative one and a suspicious 30% refused to give an answer (S. 58, Betonung hinzugefügt).
  • Man hat den betreffenden türkischen Migranten und türkischstämmigen Deutschen mit Blick auf die Juden zwar nur eine (bzw. nur ein Viertel einer) Frage gestellt, ihnen aber fünf verschiedene Optionen zu deren Beantwortung gegeben. Diese waren „sehr positiv“, „eher positiv“, „eher negativ“, „sehr negativ“ und „weiß nicht“. Feldmans Mehrheit von 49 Prozent setzte sich dabei aus achtzehn Prozent, die angaben, Juden „sehr positiv“ gegenüberzustehen, und 31 Prozent, die es bei „eher positiv“ bewenden ließen, zusammen. Von den 21 Prozent der Befragten, die angaben, Juden nicht zu mögen, bekannten sich neun Prozent dazu, Juden „sehr negativ“ gegenüberzustehen.
  • Der jeweilige Anteil der „weiß nicht“-Antworten verdient Beachtung. Zu ihrer Haltung zu „Menschen mit deutscher Herkunft“ und Christen befragt, antworteten zehn bzw. fünfzehn Prozent mit „weiß nicht“. Bei den Atheisten lag der Anteil der „weiß nicht“-Antworten dagegen bei 24 und bei den Juden (wie eingangs erwähnt) sogar bei 30 Prozent. Dies legt in der Tat nahe, wie Berek ja auch anmerkte, dass die Befragten diese Fragen für besonders heikel hielten und sich mit ihren Antworten zurückhielten. Im Übrigen wurden sie zu keinem Zeitpunkt zu Juden in einer nichtreligiösen Kapazität, geschweige denn zu Israel befragt.
  • Mit Blick auf mögliche interkulturelle Einflüsse sei ein Hinweis auf den von Feldman zitierten ADL Global 100 Anti-Semitism Index gestattet. Der Index erfasste die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas zuletzt 2014. Lediglich die Türkei und der Iran wurden 2015 nochmals berücksichtigt. In der Türkei verzeichnete der Index 2014 die zweitniedrigste Verbreitung antisemitischer Ansichten in der Region. ‚Nur‘ 69 Prozent der Befragten in der Türkei stimmten mindestens sechs antisemitischen Aussagen zu (2015 waren es 71 Prozent). Dagegen lag der Anteil im Irak, also einem der Länder, aus dem seitdem tatsächlich eine nennenswerte Anzahl Flüchtlinge nach Westeuropa kam, bei 92 Prozent. Nur im Gazastreifen und Westjordanland war der Anteil mit 93 Prozent noch höher.
  • Neben den durchschnittlich 55 Prozent der befragten Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die im Rahmen der bayerischen Studie der Behauptung, die Juden übten weltweit zu viel Macht aus, zustimmten, antworteten außerdem 21,3 Prozent der syrischen, 19 Prozent der afghanischen und 13,3 Prozent der irakischen Flüchtlinge mit „teils-teils“ , und das, obgleich 30 Prozent der Befragten sich auch in diesem Fall entschieden, die heikle Frage gar nicht erst zu beantworten. Sprich, von den befragten Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak stimmten tatsächlich rund 70 Prozent der Behauptung, die Juden übten weltweit zu viel Macht aus, mit Abstufungen zu.

2 Das Kannibalisieren der eigenen Zuträger

Das Feldman im Umgang mit den Urteilen seiner eigenen Zuträger nicht gerade zimperlich war, sahen wir ja eben schon. Hierzu noch ein weiteres Beispiel: Auf Seite 29 (von 30) seiner Bestandsaufnahme kommt Feldman schließlich doch noch auf die Flüchtlinge aus mehrheitlich muslimischen Ländern zu sprechen, die in den letzten Jahren nach Westeuropa gekommen sind. In diesem Zusammenhang ist er besonders von einer Studie beeindruckt, die uns zwar über Einstellungen der Flüchtlinge Juden gegenüber nichts sagen kann, in der sich aber immerhin 96 Prozent der befragten Flüchtlinge leidenschaftlich zur Demokratie bekannten. Zugegeben, 21 Prozent wünschten sich zugleich eine „starke Führungspersönlichkeit … die sich nicht um Parlamente und Wahlen schert“, das ist aber offenbar bei der Gesamtbevölkerung auch nicht anders. „Diese Ergebnisse“, so Feldman, „unterstützen das anti-schwarzseherische Lager (S. 29).

Diese Formulierung findet sich, wenn auch in etwas qualifizierterer Form, auch in Bereks Bericht zur Lage in Deutschland: „[A]s a tendency“, so Berek, „these results support the camp of the anti-alarmists“ (S. 63). Allerdings hatte er dann umgehend hinzugefügt:

As a caveat, however, the answers may reflect the influence of social desirability. After all, how else would a refugee reply on leaving her integration class (where she learned how highly democracy, civil rights and equality are officially esteemed in the country that hosts her) when an academic researcher with a laptop questions her about precisely these values?

Davon ist bei Feldman allerdings keine Rede mehr.

3 Rosinenpicken bei den erfassten Jahren

Feldmans Behauptung, dass der Antisemitismus sich seit 2011 auf dem Rückzug befinde, beruht unter anderem auf den Fallzahlen Politisch Motivierte Kriminalität des Bundesinnenministeriums. In Deutschland, schreibt er,„erreichte die Zahl der antisemitischen Straftaten … im Jahr 2014 einen Höhepunkt, ungeachtet der drastischen Zunahme der Zahl an MENA-Migranten im folgenden Jahr“ (S. 22).

Dieser Zusammenfassung Feldmans liegt die folgende Passage in Bereks Bericht zugrunde (auf einige der von Berek in diesem Zusammenhang formulierten Vorbehalte komme ich gleich noch zurück):

Regarding antisemitic incidents recorded by the police, there is no sign of a rise in antisemitic criminal offences after the increased immigration in the second half of 2015. After a peak of 1,596 cases in 2014 , in 2015 there were 1,366 cases,  a decrease to the level seen in 2013 (1,275 cases ). Anti-Israel offences developed along the same trend. In 2013 there were 41 cases …; in 2014, 575 cases ; in 2015 62 cases … The long-term trend even shows a slight decline in the still-high numbers, with the peaks coinciding with rising tensions in the Arab-Israeli conflict (p. 52).

Was auch immer man anhand der betreffenden Zahlen womöglich über längerfristige Trends folgern kann, so steht eines auf jeden Fall fest, dass sie nämlich widersprüchlich sind und die allzu einfachen Schlussfolgerungen, die Berek und in noch höherem Maße Feldman aus ihnen ziehen, kaum hergeben. Hierzu einige Beispiele:

  • Die Zahlen schwanken in erheblichem Maße und entsprechen nur bedingt der von Berek und Feldman unterstellten Logik. So war die Zahl der registrierten antisemitischen Straftaten beispielsweise 2015 höher als im dritten Jahr der Zweiten Intifada (2003). Betrachtet man die Jahre von 2001 bis 2015, dann wurde die dritthöchste Zahl antisemitischer Straftaten 2005 erfasst, in jenem Jahr also, in dem der Zweiten Intifada die Puste ausging und Israel sich aus dem Gazastreifen zurückzog. Sieht man von 2012 als einem Jahr ab, in dem sich der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern verschärfte, so war die Zahl der erfassten antisemitischen Straftaten 2011 zwar geringer als 2010, doch war die Zahl 2013 (wenn auch nur geringfügig) höher als in den Jahren 2010 und 2011. Berek gibt zwar an, die Zahl der 2015 erfassten antisemitischen Straftaten habe wieder jener im Jahr 2013 entsprochen, doch lag sie immerhin um 7,5 Prozent über jener on 2013. Dass die baseline ab 2010 zunächst niedriger war als im vorherigen Jahrzehnt stimmt schon, aber so geradlinig wie Berek und Feldman sie darstellen, ist die Entwicklung gewiss nicht verlaufen, und zumindest wäre ein weniger forscher Ton vielleicht angebracht gewesen.

Wesentlich schwerer wiegt allerdings die Tatsache, dass der im April 2018 veröffentlichte Bericht die bereits am 24.4.2017 offiziell bekanntgegebenen Fallzahlen Politisch Motivierte Kriminalität für 2016 nicht berücksichtig hat.

  • Wesentlich schwerer wiegt allerdings die Tatsache, dass der im April 2018 veröffentlichte Bericht die bereits am 24.4.2017 offiziell bekanntgegebenen Fallzahlen Politisch Motivierte Kriminalität für 2016 nicht berücksichtig hat. Es stimmt zwar, dass ein Projekt dieser Art einiger Koordination bedarf und Feldman ja nicht gut noch nicht vorliegende Berichte hätte zusammenfassen können. Dennoch hätten er und seine Kollegen sich auch über die vorläufigen Zahlen für 2017 oder zumindest deren Größenordnung bereits einen ersten Überblick verschaffen können, wäre es ihnen denn wichtig gewesen. Jedenfalls stieg die Zahl der erfassten antisemitischen Straftaten 2016 gegenüber dem Vorjahr um 7,5 Prozent und sie ist seitdem jedes Jahr weiter gestiegen. Die Zahl der erfassten antisemitischen Straftaten stieg zwischen 2015 und 2019 um 49 Prozent an, selbst im Vergleich zum „Höhepunkt“ von 2014 ist ein Anstieg um 27 Prozent zu verzeichnen. Das konnten Feldman und seine Kollegen natürlich nicht wissen, sehr wohl aber, dass bereits die Zahlen für 2016 ihrer Interpretation eindeutig widersprachen. Dass Feldmans Urteil sich als dermaßen fehlgeleitet erwiesen hat, legt doch immerhin nahe, dass man die Forschheit der eigenen Behauptungen der Beschränktheit der Daten, auf die man sich beruft, vielleicht etwas angleichen sollte.
  • Auch ohne das Wissen, dass die Zahl antisemitischer Straftaten seitdem kontinuierlich und drastisch angestiegen ist, darf Feldmans Pointe, sie habe „ungeachtet der drastischen Zunahme der Zahl an MENA-Migranten im folgenden Jahr“ bereits 2014 ihren Höhepunkt erreicht, wohl als seine albernste gelten. Er widerspricht hier insofern ohnehin seiner eigenen Logik, der zufolge die Zahl antisemitischer Straftaten stets parallel zu Eskalationen im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern steigt und fällt. Demnach war nach der Eskalation im Zusammenhang mit dem Zweiten Gazakrieg im Vorjahr 2015 ohnehin mit einem Rückgang der Zahl antisemitischer Straftaten zu rechnen. Wichtiger ist aber die in dieser Aussage implizierte Polemik. Schließlich trafen die allermeisten Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak erst ab September 2015 in Deutschland ein. Auch jene, die sich um deren möglichen Antisemitismus große Sorgen machen, haben ja wohl kaum erwartet, dass der sich sofort in einer massiven Steigerung der erfassten antisemitischen Straftaten noch im gleichen Jahr niederschlagen würde. Folgt man der automatisierten Scheinlogik Feldmans, könnte man ebenso gut behaupten, der Anstieg der Zahl erfasster antisemitischer Straftaten im Jahr 2016 sei selbstverständlich auf die Ankunft der Flüchtlinge zurückzuführen und, da sie die Gesamtbevölkerung allenfalls um anderthalb oder zwei Prozent vergrößert, der Anstieg aber 7,5 Prozent betragen habe, hätten die Flüchtlinge zur Vermehrung der erfassten antisemitischen Straftaten 3,8 bis fünf Mal so viel beigetragen wie die restliche Bevölkerung. Unsinniger als Feldmans Behauptung wäre ein solcher logischer Kurzschluss auch nicht.
  • Abschließend noch ein Wort zu den wichtigsten Vorbehalten, die Berek den von Feldman zitierten Daten voranstellte. Zum einen erinnert Berek daran, dass die Tatsache, dass die Polizei antisemitische Straftaten rechten oder rechtsextremen Tätern zuordnet, keinesfalls bedeuten muss, dass diese Urheberschaft auch tatsächlich erwiesen ist. Oftmals signalisiert sie lediglich, dass die Polizei diese Zuordnung für wahrscheinlich hielt. Da die Polizei sich nicht vollständig aus Antisemitismusexperten zusammensetzt, und der Antisemitismus gerade in Deutschland in allererster Linie mit der Schoa und den Nazis in Verbindung gebracht wird, scheint die Annahme, dass die Urheber antisemitischer Straftaten höchstwahrscheinlich im rechten oder rechtsextremen Lager zu suchen seien, besonders naheliegend zu sein, auch wenn es dafür außer dieser Annahme keine weiteren Anhaltspunkte gibt. Dieses Problem ist ja seit langem bekannt und immer wieder diskutiert worden, ohne bislang auch nur annähernd befriedigend gelöst worden zu sein. Außerdem erklärt Berek, dass antisemitische Straftaten „often“ zu Unrecht als israelfeindliche Straftaten erfasst würden, insbesondere wenn es sich bei den Tätern um Ausländer oder Migranten handelt. Bekanntlich hat es ja einige wahrlich atemberaubende derartige Fälle gegeben, die auch zu einem entsprechenden Aufschrei geführt haben. Die Zahl der Urheber antisemitischer Straftaten aus dem rechten und rechtsextremen Lager wird also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit systematisch übertrieben, die der von Ausländern und Migranten begangenen antisemitische Straftaten dagegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit systematisch untertrieben. Kein Wunder, dass Feldman von alledem in seinem Bericht nichts mehr durchscheinen lassen wollte. Tatsächlich haben wir es hier mit einem besorgniserregenden Teufelskreis zu tun. Die trügerischen Statistiken verleiten Wissenschaftler dazu, das Maß des rechten und rechtsextremen Antisemitismus zu übertreiben, was die Polizei wiederum in der Annahme bestätigt, die allermeisten erfassten antisemitischen Straftaten seien auch dann dem rechten Lager zuzuordnen, wenn es dafür gar keine konkreten Anhaltspunkte gibt.

Tatsächlich haben wir es hier mit einem besorgniserregenden Teufelskreis zu tun. Die trügerischen Statistiken verleiten Wissenschaftler dazu, das Maß des rechten und rechtsextremen Antisemitismus zu übertreiben, was die Polizei wiederum in der Annahme bestätigt, die allermeisten erfassten antisemitischen Straftaten seien auch dann dem rechten Lager zuzuordnen, wenn es dafür gar keine konkreten Anhaltspunkte gibt.

4 & 5 Antisemitismus und „Israelkritik“

Beispiel 1: Feldman äußert sich positiv über eine Stelle aus dem Bericht Antisemitismus in Deutschland, den der Unabhängige Expertenkreises Antisemitismus 2017 dem Bundestag vorlegte. Er schreibt:

Im Bericht Antisemitismus in Deutschland (2017), erstellt von einem vom Deutschen Bundestag beauftragten Fachgremium, wird darauf hingewiesen, dass wir bei der Beurteilung nicht nur das berücksichtigen sollten, was jemand sagt, sondern auch zu wem er es sagt, unter welchen Umständen und mit welcher Absicht. Wir stimmen mit Antisemitismus in Deutschland dahingehend überein, dass wir in Bezug auf Kritik an Israel die Existenz einer „Grauzone“ anerkennen, die zu einer legitimen Uneinigkeit hinsichtlich dessen führt, was als antisemitisch zu betrachten ist und was nicht (S. 20).

Sieht man sich den betreffenden Abschnitt im Bericht des Unabhängigen Expertenkreises an, stellt sich heraus, dass dort entgegen Feldmans Behauptung gerade nicht auf die jeweilige Absicht abgehoben und im Übrigen die Beweislast recht eindeutig bei den Urhebern jeglicher Äußerung verortet wird, die als antisemitisch wahrgenommen werden könnte. Im Bericht heißt es dazu im einzelnen:

Der Fokus sollte in diesem Zusammenhang … weniger auf der Frage liegen, ob eine Äußerung antisemitisch gemeint war oder nicht — dies lässt sich in vielen Fällen nicht eindeutig klären. Stattdessen sollte das Bewusstsein im Zentrum stehen, dass kritische Äußerungen zu Israel unter Umständen sowohl als kritische Positionierung als auch als Antisemitismus verstanden werden können. Es kommt daher darauf an, wer, was, wann sagt und ob die Kritik ohne Zuschreibungen an ein unterstelltes jüdisches Kollektiv erfolgt oder ob im Sinne einer »Umwegkommunikation« Israel nur an die Stelle »der Juden« quasi als Legitimierung antisemitischer Einstellungen tritt.
Es lässt sich festhalten, dass der Eintritt in den Diskursverlauf zur Kritik an der Politik Israels immer mit der
Problematik verbunden ist, dass Äußerungen zumindest ambivalent verstanden werden können, in jedem Fall
aber israelbezogene Äußerungen dann als antisemitisch zu bezeichnen sind, wenn bekannte Stereotype benutzt
oder aber Morde an Juden gerechtfertigt werden (S. 27/28).

Das dürfte es wohl kaum gewesen sein, was Feldman vorschwebte, als er sich mühsam das Zugeständnis abrang, es gebe „Situationen …, in denen Kritik an Israel und/oder am zionistischen Gedanken auch eine Gelegenheit für antisemitische Äußerungen und antisemitisches Verhalten bietet“ (S. 20). Diese Formulierung ist auch insofern großartig, als aus ihr wieder einmal deutlich wird, dass für Feldman das Problem nicht darin besteht, dass Menschen diese „Gelegenheit“ nutzen, sondern darin, dass diese sich „bietet“. Subjekt ist bei ihm nie der Antisemit (es sei denn, er wäre Rechtsextremist), sondern stets der Antisemitismus, der sich noch des wohlwollendsten Israelkritikers bemächtigen und ihn zu seinem Spielzeug machen kann (siehe hierzu auch https://ist-der-ruf-erst-ruiniert.blog/2020/05/31/ich-wars-nicht-es-war-das-reservoir/).

Subjekt ist bei Feldman nie der Antisemit (es sei denn, er wäre Rechtsextremist), sondern stets der Antisemitismus, der sich noch des wohlwollendsten Israelkritikers bemächtigen und ihn zu seinem Spielzeug machen kann.

Beispiel 2: Wie eingangs bereits erwähnt, verweist Feldman auch auf Jikelis Studie von 2017. Besonders gut gefällt ihm Jikelis Befund, das von den befragten Flüchtlingen (in Feldmans Paraphrase) „[v]iele, jedoch nicht alle … betonten …, dass es etwas anderes sei, über Juden zu sprechen als über Israel“ (S. 30).

Hierzu einige relevante Zitate aus Jikelis Studies:

Viele Interviewte betonen, dass sie zwischen Juden und Israel trennen. Dies gelingt aber gerade bei einer starken Abneigung gegen Israel nur punktuell. Andere wiederum sehen explizit keinen Unterschied zwischen Israel und „den Juden“ (S. 9).

Hinzu kommt, dass die Vorstellungen der Befragten von Jüdinnen und Juden einerseits und Israel beziehungsweise Israelis andererseits häufig ineinander übergehen, auch bei denen, die eingangs betonen, dass es einen großen Unterschied zwischen Juden und Israelis gibt (S. 23).

Die oft gemachte, explizite Trennung von Israelis einerseits und Juden andererseits dient meist dazu, sich vom Antisemitismus abzugrenzen, gleichzeitig aber die negative Einstellung gegenüber Israel zu legitimieren (S. 28).

Jikeli stellt außerdem klar, dass die von ihm Interviewten, wenn sie die „Besatzung Palästinas“ beklagten, damit „allerdings nicht die Besatzung des Westjordanlandes, sondern die Staatsgründung Israels“ meinten. Trotz der prominenten Rolle, die der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern für die befragten Flüchtlinge spielte, war der traditionelle Antisemitismus bei ihnen allerdings prononcierter als der israelbezogene. Mit Feldmans Schlussfolgerungen ist all das völlig inkompatibel.

6 Selektives Aneignen von Interpretationen

Dass Feldman es auch mit der Aneignung von Interpretationen nicht allzu genau nimmt, mag das folgende Beispiel illustrieren. Angesichts der heldenhaften Rolle, die Feldman bei der Verteidigung ganz und gar unschuldiger und legitimer Israelkritik gegen die bösartige Beschuldigung des Antisemitismus spielt, mag man sich zunächst wundern, dass er sich im Rahmen seiner anfänglichen Übersicht ausgerechnet auf einen Bericht des israelischen Diaspora-Ministeriums beruft. Dieser Bericht ist sogar sein einziger Beleg dafür, dass es trotz all der Unkenrufe auch noch nichtschwarzseherische Realisten gibt. In dem Report on Antisemitism in 2016 steht nämlich, dass “the wave of immigrants from Muslim countries is not causing an increase in antisemitism” (p. 10).

Er mag dies für einen besonders schlauen Schachzug gehalten haben, steht am Ende aber nur als Schlaumeier da. Denn es handelt sich hier ja nicht um eine spezifische Schlussfolgerung, die auf einem konkreten Datensatz beruht, sondern um eine allgemeine Einschätzung, ein allgemeines Urteil. Somit stellt sich die Frage, warum diese Einschätzung verlässlicher oder weniger verlässlich sein sollte als, zum Beispiel, die Sorge, die in dem selben Bericht mit Blick auf den Antisemitismus in der britischen Linken zum Ausdruck kommt, und die explizite Kritik, die darin an dem Versuch geübt wird, das Ausmaß des Antisemitismus in der Labour Party mit Hilfe des Chakrabarti-Berichts zu vertuschen, an dem Feldman aktiv mitwirkte und dessen Veröffentlichung er ausdrücklich begrüßte? Dass linker Antisemitismus bei Feldman gar nicht existiert, sahen wir ja schon.

Feldman hätte natürlich auch genauer hingucken können, um zu ermitteln, auf welcher Datengrundlage diese Einschätzung eigentlich basierte. Im Bericht des Diaspora-Ministeriums heißt es zum Beispiel, dass „Federal German government figures indicate that between January and September 2016, 461 anti-Semitic incidents were reported in Germany“ (S. 36). Wer weiß, was da schief gelaufen ist. Jedenfalls wurden für 2016 schließlich insgesamt 1468 antisemitische Straftaten offiziell erfasst. (Besonders lustig ist dabei, dass Feldman also Zugang zu einer Quelle hatte, in der bereits vorläufige Angaben zur Zahl der für 2016 erfassten antisemitischen Straftaten in Deutschland standen, die zwar falsch waren, gerade darum aber seiner Argumentation durchaus genützt hätten, wäre es ihm wirklich um die Zahlen gegangen. So entgehen einem beim Rosinenpicken mitunter eben auch Angaben, die man gut hätte gebrauchen können.)

Schließlich verweist die Tatsache, dass der Bericht des Diaspora-Ministeriums sich ausdrücklich auf „the wave of immigrants“ (Betonung hinzugefügt) bezieht, darauf, dass die von Feldman zitierte Einschätzung sich nicht auf alle Formen der Einwanderung aus mehrheitlich muslimischen Ländern seit dem zweiten Weltkrieg, sondern dezidiert auf die unmittelbar vorangegangene Ankunft der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak bezog.

7 Selbstwiderspruch

Feldman begnügt sich nicht damit, uns von vornherein einzubläuen, dass wir uns nur dem Antisemitismus der Rechten widmen und alle anderen Formen des Antisemitismus gar nicht beachten sollten. Sollten wir noch immer nicht überzeugt sein, hält er noch ein Totschlagargument für uns parat. Zugegeben, bei den Migranten und Flüchtlingen aus mehrheitlich muslimischen Ländern mag der Antisemitismus weit verbreitet sein, doch sind sie viel zu sehr damit beschäftigt, in ihren neuen Ländern Fuß zu fassen, um ihren Antisemitismus in die Praxis umzusetzen:

Die Daten aus allen fünf Ländern deuten stark darauf hin, dass der Alltag der aktuellen Flüchtlinge und Migranten von Unsicherheit begleitet ist. Ihre Prioritäten liegen darin, einen Ort zum Schlafen zu finden, Papiere zu erhalten und die Sprache ihres neuen Aufenthaltslandes zu lernen, um bezahlte Arbeit zu finden. Kurz gefasst: Ihr Alltag ist eher von den Erfordernissen ihrer schwierigen Situation geprägt als von der Beschäftigung mit Antisemitismus oder sonstigen Vorurteilen oder Ideologien (S. 29).

Jikeli entwickelt ein ähnliches Argument, begreift aber diesen Sachverhalt als Gelegenheit, dafür zu sorgen dass der anfängliche Integrationsprozess mit einer selbstkritischen Überprüfung etwaiger eigener antisemitischer Überzeugungen einhergeht. Für Feldman ergibt sich daraus lediglich, dass wir uns um den Antisemitismus unter den Flüchtlingen, den auch er nicht leugnen kann, keine Sorgen zu machen brauchen. (Selbst wenn es Bestand hätte, würde dieses Argument uns mit dem Antisemitismus unter anderen Migranten natürlich ohnehin nicht helfen.) Soweit, so gut. Doch kurz zuvor hat Feldman uns darauf hingewiesen, „dass ein Großteil antisemitischen Verhaltens von ‚antisozialer‘ und ‚opportunistischer‘ Natur ist, ohne eine klare ideologische oder religiöse Motivation“ (S. 25). Demnach bedürfte es also gar nicht „der Beschäftigung mit Antisemitismus oder sonstigen Vorurteilen oder Ideologien“, zu der die Flüchtlinge aus Zeitmangel nicht fähig sein sollen.

Doch kurz zuvor hat Feldman uns darauf hingewiesen, „dass ein Großteil antisemitischen Verhaltens von ‚antisozialer‘ und ‚opportunistischer‘ Natur ist, ohne eine klare ideologische oder religiöse Motivation“ (S. 25). Demnach bedürfte es also gar nicht „der Beschäftigung mit Antisemitismus oder sonstigen Vorurteilen oder Ideologien“, zu der die Flüchtlinge aus Zeitmangel nicht fähig sein sollen.

Im Übrigen bin ich mir nicht sicher, ob Feldman den Flüchtlingen und anderen vor Kurzem erst eingewanderten Migranten mit seiner Argumentation wirklich einen allzu großen Gefallen tut. Immerhin wäre ein unsinnige aber durchaus logische Konsequenz seiner Argumentation ja die, dass man dafür sorgen sollte, dass die Lebensumstände der Flüchtlinge und Migranten dauerhaft so prekär wie möglich bleiben, damit sie auch weiterhin zu beschäftigt sind, um ihren Antisemitismus in die Praxis umzusetzen. Andererseits wissen wir aber auch, dass zunehmende Integration allein das Problem nicht automatisch aus der Welt schafft. In der Regel wächst die Unzufriedenheit der Kinder und Enkel der ursprünglichen Migranten mit ihrer noch nicht vollständigen Integration proportional zur Zunahme ihrer tatsächlichen Integration, und die Kinder und Enkel von Migranten aus mehrheitlich muslimischen Ländern sind in vielen Fällen nicht weniger antisemitisch, sondern antisemitischer als ihre Eltern oder Großeltern bzw. ihr Antisemitismus ist ideologisch gefestigter als der ihrer Vorfahren. Ich vermute, dass all dies bei Feldman gar nicht erst vorkommt, weil er Integration für eine gefährliche, bestenfalls zweischneidige Sache hält. Doch darauf kann ich hier nicht auch noch eingehen.

In dem Bestreben, den Antisemitismus unter Muslimen mit Migrationshintergrund in erster Linie mit deren Ausgrenzung zu erklären, hat Feldman noch einen weiteren Vorbehalt Bereks fallen lassen:

It would be questionable indeed to attribute antisemitism only to the circumstances instead of taking people seriously as acting and responsible individuals who make decisions. Otherwise one would be unable to explain why many Muslims with discrimination experience do not entertain antisemitic thoughts (p. 60).

*

Wurden die Schlagzeilen erst gedruckt — „No link between Muslim immigration and anti-Semitism, German study says”, „On ne peut faire aucun lien entre l’antisémitisme et l’arrivée des nouveaux migrants”, „‘Antisemitismus ist kein allgemeines Merkmal von Muslimen’: Hat die Judenfeindlichkeit in Europa durch die Zuwanderung zugenommen? Einer Studie zufolge lässt sich diese verbreitete These nicht bestätigen” usw.— kommt es auf all diese Dinge natürlich nicht mehr an. Doch während in der Öffentlichkeitsarbeit und Politik alle Mittel recht sein mögen, sollte es in der Wissenschaft nicht so sein. Allerdings hat sich mir in den letzten zwei Jahrzehnten kaum etwas so deutlich eingeprägt wie die Tatsache, dass Wissenschaftler sich so ziemlich alles erlauben können — außer darauf hinzuweisen, was andere Wissenschaftler sich alles erlauben.

Ich war’s nicht, es war das Reservoir

Paul Klee, Vulgäre Komödie, 1922, Lithographie, 21.5 x 27.3 cm

Das Pears Institute for the Study of Antisemitism versucht es mit Satire: Zum Artikel „Labour and Antisemitism: A Crisis Misunderstood“ von Ben Gidley, Brendan McGeever und David Feldman

Die Kollegen des Pears Institute for the Study of Antisemitism lassen sich mit diesem Text nicht zum ersten Mal zur Frage des Antisemitismus vernehmen, der seit einigen Jahren in der britischen Labour Party fröhliche Urständ feiert. Als die Labour Party 2016 eine interne Untersuchung anordnete, ließ Institutsdirektor David Feldman sich als Stellvertreter der mit der Untersuchung betrauten Anwältin und Labourfunktionärin Shami Chakrabarti installieren und begrüßte ausdrücklich den von der bald darauf auf Corbyns Geheiß zur Baronin ernannten und ins House of Lords entsandten Chakrabarti vorgestellten, von den meisten Beobachtern als Vertuschungsversuch abgetanen Bericht. Als es im Sommer 2018 infolge der anfänglichen Weigerung der Labour Party, sich die Antisemitismusdefinition der IHRA vollständig zu eigen zu machen, zu wochenlangen schweren Auseinandersetzungen kam, in deren Ergebnis die Partei aus opportunistischen Gründen notgedrungen doch noch nachgab, fiel Feldman und Brendan McGeever nichts besseres ein, als in Haaretz einen langen Artikel zu veröffentlichen, in dem sie ausführlich erklärten, wie unnütz die Definition der IHRA sei. Nun nehmen sie das Ende von Corbyns Amtszeit an der Spitze der Labour Party zum Anlass, um uns allen mit einem Text, der eigentlich nur satirisch gemeint sein kann, zu erklären, was es mit dem Antisemitismus in der Labour Party ‚wirklich‘ auf sich hat.

Die bisherige, dringend korrekturbedürftige Fehleinschätzung der ganzen Situation, so die bahnbrechende Erkenntnis Gidleys, McGeevers und Feldmans, rühre daher, dass die Kritiker bislang nach Antisemiten Ausschau gehalten haben, wo es viel wichtiger gewesen wäre, dem Antisemitismus Paroli zu bieten. Nun könnte man das als Uneingeweihte vielleicht so verstehen, dass es zunächst einmal wichtiger sei, antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit ebenso wie andere antisemitische Handlungen so weit als möglich zu unterbinden, als sich auf die zeitaufwändige und selten befriedigend zu beantwortenden Frage zu versteifen, was wohl im Einzelnen in den Herzen und Hirnen der Antisemiten vor sich gehen mag.

Das entspräche der grundlegenden, ebenso zutreffenden wie frustrierenden Einsicht, dass antisemitische Stereotypien in westlichen (wie übrigens auch in mehrheitlich muslimischen) Gesellschaften so tief verankert sind, dass sie sich, jedenfalls solange die gegenwärtige Gesellschaftsordnung fortbesteht, kaum werden beseitigen lassen. Daher muss man aus pragmatischen Gründen zwischen antisemitischen Haltungen einerseits und antisemitischen Verhaltensweisen andererseits unterscheiden. Tatsächlich ist die Vermischung dieser beiden Dimensionen einer der Hauptgründe dafür, dass die allermeisten zurzeit verfolgten Maßnahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus ins Leere laufen. Pragmatisch gesehen ist der Kampf gegen die Auswirkungen antisemitischer Einstellungen ungleich wichtiger als jener gegen die Einstellungen selbst. Selbstverständlich wäre es großartig, in einer Gesellschaft leben zu können, in der niemand versteht, wie antisemitische Stereotypien je entstehen konnten, da sie niemandem einleuchten oder die Interpretation ihrer Stellung in der Welt auch nur scheinbar erleichtern. In der Wirklichkeit müssen wir unterdessen aber leider zuallererst versuchen, die Auswirkungen antisemitischer Einstellungen weitestgehend zu begrenzen. In aller Regel sind westliche Gesellschaften seit dem Zweiten Weltkrieg ganz gut damit gefahren, dass sie der Bevölkerung gestatten, von Juden zu halten, was immer sie will, vorausgesetzt, die Menschen behalten ihre antisemitischen Einstellungen und Regungen für sich. Ein Großteil der gegenwärtigen auf den Antisemitismus bezüglichen Kontroversen spiegelt die Tatsache wider, dass dieses Tabu inzwischen immer mehr bröckelt.

Die Unterscheidung zwischen Antisemiten und Antisemitismus: Die Antisemitismusdefinition der IHRA

Angesichts dieser Entwicklung unternimmt die Antisemitismusdefinition der IHRA (womit immer die Definition einschließlich der beigegebenen Beispiele gemeint ist) genau das, was Gidley, McGeever und Feldman zu fordern scheinen. Die Definition orientiert sich im Wesentlichen am Modell der juristischen Kodifizierung und legt exemplarisch dar, welche Verhaltensweisen antisemitisch und daher inakzeptabel sind. Sie behauptet weder, alles abzudecken, was sich zum Thema Antisemitismus sagen ließe, noch gibt sie vor, erklären zu können, wo der Antisemitismus herkommt, wann, wo, warum und bei wem er verfängt, wie man das historische und gesellschaftliche Saatbeet, aus dem er sich nährt, ein für allemal beseitigen könnte, oder was die Individuen, die sich antisemitisch äußern oder verhalten, dabei im Einzelnen denken und fühlen. Ganz gleich wie komplex ihre Motivation, wie reich oder verarmt ihr Innenleben sein mag: sie sind für ihre Äußerungen und Handlungen verantwortlich, und wenn diese antisemitisch sind, müssen sie damit rechnen, dass sie den gesellschaftlich für diesen Fall vorgesehen Sanktionen unterliegen.

Folglich verhält es sich mit dieser Definition nicht anders als mit anderen juristischen Kodifizierungen untersagter Verhaltensweisen auch. Rechtlicher Normen bedarf es ja in der Regel nur, weil man sich bei einer nennenswerten Anzahl Einzelner nicht darauf verlassen kann, dass sie sich den entsprechenden Normen (etwa, dass man nicht töten oder nicht vergewaltigen soll) ohne Strafandrohung fügen würden. Allerdings überzeugt weder die Strafandrohung noch die tatsächliche Strafe die potenziellen oder tatsächlichen Täter in der Regel von der Richtigkeit der betreffenden Normen. Zudem unterbinden Verbote die betreffenden Verhaltensweisen nie in Gänze und sie ändern schon gar nichts an deren materiellen Ursachen und den gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren, die sie hervorbringen oder ohne Absicht begünstigen. Verbote müssen notwendigerweise spezifisch formuliert sein und können der tatsächlichen Komplexität der Phänomene, gegen die sich richten, daher nicht vollumfänglich gerecht werden. In manchen Fällen bleiben Gesetze selbst dann bestehen, wenn sie gar nicht mehr zur Anwendung kommen, weil die Gesetzgeber es für wichtig halten, ein moralisches Signal zu senden (oder nicht zurückzunehmen bzw. zu untergraben). Gelegentlich werden Angeklagte zu unrecht beschuldigt, und wir wissen, dass es durchaus zu Justizirrtümern kommen kann. Ich könnte noch ein Weile so fortfahren.

Und dennoch würden nur wenige angesichts dieser vielen Mängel folgern, das Verbieten des Tötens oder Vergewaltigens sei ganz sinnlos, da es über seinen unmittelbaren Zweck hinaus all diese zusätzlichen Funktionen nicht erfülle, geschweige denn, man sollte überhaupt gleich alle Gesetze abschaffen—doch wenn es darum geht, die Antisemitismusdefinition der IHRA zu desavouieren, soll aus der Tatsache, dass sie tatsächlich nur das leistet, was sie leisten soll, regelmäßig gefolgert, dass sie bestenfalls sinnlos sei und vermutlich niederen Beweggründen dienen solle. Feldman und seine Kollegen haben sich an dieser Kritik von Anfang an lautstark beteiligt. Wie eingangs erwähnt, nutzten Feldman und McGeever 2018 etwa den sommerlangen Streit um den Versuch der Labour Party, Teile der Definition über Bord zu werfen, um ihre grundlegende Kritik an ihr einem breiteren Publikum vorzustellen.

Auswirkungen oder „Ergebnisse“: Struktureller Antisemitismus

Im Mittelpunkt ihrer Kritik steht under anderem, dass die Definition der IHRA Formen des „institutionellen Antisemitismus“ nicht berücksichtige, wodurch auch eine Orientierung auf „Ergebnisse“ (outcomes) verunmöglicht werde. Nun könnte man vielleicht vermuten, bei den „Ergebnissen“ des Antisemitismus handele es sich um dessen Auswirkungen in der Form antisemitischer Aussagen in der Öffentlichkeit und anderer antisemitischer Handlungen. Wenn es der Definition der IHRA aber um genau diese Auswirkungen geht, sie den Blick auf „Ergebnisse“ Feldman und McGeever zufolge jedoch verstellt, muss es bei den „Ergebnissen“ wohl oder übel um etwas anderes gehen. Wenden wir uns einem Vortrag zum Thema „Anti-Zionism and Antisemitism in Britain“ zu, den Feldman 2013 im Jüdischen Museum Berlin, einer weltweit für ihre Unterscheidungsfähigkeit in diesen Dingen renommierten Institution, hielt, so erfahren wir zwar wieder nichts über „Ergebnisse“ (obwohl er auch dort betonte, man solle sich „nicht auf die Überlegungen des Täters, sondern auf Ergebnisse“ konzentrieren), immerhin aber darüber, was Feldman unter institutionellem Antisemitismus versteht. Dass er sich dabei ausgerechnet auf Aussagen von David Hirsh berief, dürfte an Komik kaum zu überbieten sein. Hirsh, so Feldman, habe die Sache mit Blick auf die prominente Rolle der BDS-Bewegung in der britischen Gewerkschaft der Universitätsdozenten so definiert: „Niemand in der Gewerkschaft hasst Juden; es geht nicht um diese Art von Antisemitismus. Institutioneller Antisemitismus … schafft ein für Juden feindseliges Klima innerhalb der Gewerkschaft, selbst wenn niemand die Absicht hat, ein derartiges Klima zu schaffen.“ Wer das glaubt, glaubt allerdings auch sonst alles!

Ich muss gestehen, dass mir diese Definition des Begriffs (das gleiche gilt für den Begriff institutioneller Rassismus, der ihm Pate stand) bei dieser Gelegenheit erstmals explizit untergekommen ist (was natürlich nicht ausschließt, dass es das war, was Leute in Gesprächen mit mir meinten, und ich sie missverstanden habe). Jedenfalls habe ich selbst ihn nie in diesem Sinne verwandt und würde das auch nie tun. Nun mag es ja durchaus sein, dass dies die (im wissenschaftliche Sinne) ‚korrekte‘ Definition ist, und auf Begriffe soll man, wie Feldman und seine Kollegen gerne betonen, achten. Allerdings sollte man aber auch deren weitläufigen Gebrauch berücksichtigen. Feldman und seine Kollegen möglich also völlig im Recht sein, wenn sie Nichtsoziologen und andere Sterbliche dafür tadeln, dass sie den Begriff nicht auf korrekte Weise verwenden. Wenn sie arg viel Zeit übrig haben und ihnen sonst nichts Besseres einfällt, können sie auch gerne ein Kampagne starten, um der Öffentlichkeit den korrekten Gebrauch des Begriffs beizubiegen.

Was ich aber keinen Augenblick glaube, ist, dass Menschen den Begriff im Allgemeinen so verwenden, als ginge es dabei um die völlig unbeabsichtigte Reproduktion des Rassismus oder des Antisemitismus. Im Falle des Antisemitismus springt beispielsweise ins Auge, dass diejenigen, die in den letzten Jahren (im Gegensatz zu Feldman und seinen Kollegen) den Antisemitismus in der Labour Party standhaft zu bekämpfen versucht haben, das Augenmerk stets auf die Bösgläubigkeit der Urheber antisemitischer Äußerungen und Taten und auf den strukturellen Antisemitismus der Partei insgesamt gelenkt haben. So ungenau oder falsch diese Bezeichnung aus der Sicht von Berufssoziologen auch sein mag, so klar ist doch auch, dass der Begriff hier vor allem eingesetzt wurde, um eine institutionelle Kultur zu benennen, die einzelnen Missetätern nichts entgegenzusetzen zu vermag, weil sie deren Missetaten klamm- oder auch gar nicht so heimlich billigt.

So haben Aktivisten Corbyn und seine Anhänger immer wieder verspottet. Sei ihnen der Antisemitismus wirklich for fremd und zuwider, wie sie behaupteten, müssten sie wohl die glücklosesten Antiantisemiten aller Zeiten sein, da sie doch ohne Unterlass immer das Falsche sagen und sich mit Figuren und Organisationen verbünden bzw. diese verteidigen würden, deren Verhalten zweifelsfrei antisemitisch sei. Dass es irgendwo tatsächlich haufenweise ernsthafte nichtantisemitische Menschen gibt, die, wenn sie die Labour Party institutionell antisemitisch nennen, vor allem darauf abzielen, dass Corbyn und seine Anhänger für den in der Partei amoklaufenden Antisemitismus nichts können, kann ich zwar nicht völlig ausschließen, halte es aber doch für hochgradig unwahrscheinlich.

Letztlich geht es bei alledem natürlich um die Frage der persönlichen Verantwortlichkeit. Trotz der weitgehenden Verheeerungen, die wir dem postmodernen/postkolonialen Bestreben, der Aufklärung den Garaus zu machen und ihren Anspruch durch simplistische und undialektische Erklärungsansätze zu ersetzen, uns bereits beschert hat, möchte ich weiterhin voraussetzen dürfen, dass ernstzunehmende Wissenschaftler auch weiterhin akzeptieren würden, dass menschliches Verhalten das Ergebnis eines komplexen Vorgangs ist, in dem strukturelle Faktoren, gesellschaftliche Prozesse und individuelle Entscheidungen zusammenkommen. Gewiss, darüber, welche Rolle diese Dimensionen im jeweiligen konkreten Fall genau spielen mögen, ist gut streiten. Dass man den betreffenden Vorgang aber ebenso gut sollte beschreiben können, ohne alle drei Dimensionen zu berücksichtigen, ist doch wohl kaum glaubwürdig. Da mich persönlich zuallererst Adornos Beharren darauf, dass Auschwitz der Menschheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgenötigt habe, antreibt, widerstrebt mir instinktiv jeder Erklärungsansatz, der davon ausgeht, persönliche Entscheidungen fielen im Vergleich zu strukturelle Faktoren kaum oder gar nicht ins Gewicht. Selbst wenn man alle Umstände, alle Faktoren, die Menschen für das Falsche anfällig machen, alle tatsächlichen und imaginierten Dimensionen des Gruppenzwangs usw. in Rechnung stellt, treffen Menschen Entscheidungen und müssen für diese die Verantwortung übernehmen. Im Übrigen haftet allen übermäßig strukturalistischen Ansätzen unweigerlich das Problem an, dass sie nicht erklären können, warum Einzelne, die den gleichen Strukturen und Umständen ausgesetzt sind wie jene, die sich anpassen, sich selbst dann nicht anpassen, wenn ihnen üble Konsequenzen drohen.

Mir sind auch keine ernstzunehmenden Wissenschaftler bekannt, die davon ausgehen, dass jede Antisemitin sich einst, als sie noch keine Antisemitin war, längere Zeit in ihr Zimmer setzte, nach ausgedehntem Nachdenken zu dem Schluss kam, sie würde gerne Antisemitin werden, und sich dann in zäher Kleinarbeit ihren ureigenen Antisemitismus erarbeitete. Wer bestreitet denn, dass es zwischen den jeweiligen konkreten Ausdrucksformen des Antisemitismus und einem über Jahrtausende entstandenen Grundstock an antisemitischen Stereotypien ein dialektisches Verhältnis gibt? Bei jeder Ausdrucksform des Antisemitismus lässt sich eine Dialektik von Kontinuität und Diskontinuität, des Generischen und des Spezifischen feststellen. Doch auch hier bleibt die Frage bestehen, warum sich angesichts gleicher Umstände manche für einen antisemitischen Erklärungsansatz entscheiden, andere aber nicht. Unter Leuten, die sich schon etwas länger in der Linken tummeln, ist dies als das Problem des notwendig falschen Bewusstseins bekannt. Der Fortbestand der bestehenden Gesellschaftsordnung hängt davon ab, dass die meisten von uns uns einbilden, sie beruhe auf anderen Prinzipien als jenen, die ihr tatsächlich zugrundeliegen. Doch weist die Tatsache, dass man diesen Sachverhalt durchschauen kann, ja bereits darauf hin, dass der organisierte Wahn nicht unentrinnbar ist. Warum manche das begreifen und andere nicht, gehört zu jenen ewigen Mysterien, die bislang, wenn wir ganz ehrlich sind, bislang noch nie jemand auf wirklich befriedigende hat erklären können.

Berücksichtigt man all dies, so ist das Bestreben von Gidley, McGeever und Feldman, unsere Aufmerksamkeit von den Antisemiten auf den Antisemitismus und vom Antisemitismus der Labour Party auf den Antisemitism als „eine der britischen Kultur innewohnende Ressource unter vielen“ umzulenken, zum einen alter Hut, wie er älter nicht sein könnte, zum anderen ist ihr durch nichts abgemilderter, vollkommen undialektischer Strukturalismus so albern, dass er nun wirklich nicht ernstgemeint sein kann. Es muss sich bei ihren Ausführungen also um Satire handeln. Ausdruck verleiht diese Satire dabei dem abwegigen Bestreben, diese „Ressource“ zum aktiven Subjekt des Antisemitismus zu machen und diejenigen, die sich antisemitisch betätigen, zu ihrem fremdbestimmten Werkzeug.

Sie denken jetzt natürlich alle, dass ich maßlos übertreibe. Doch schreiben Gidley, McGeever und Feldman beispielsweise, „manche Reaktionen auf die Krise des globalen Kapitalismus“ fungierten als „eine Bresche, durch die das Reservoir des Antisemitismus fließen kann“. Man wäre vielleicht geneigt anzunehmen, es sei der Inhalt des Reservoirs und nicht das Reservoir selbst, das da „fließt“, doch ist so oder so klar, dass hier das Reservoir den aktiven Part spielt. Das ist natürlich die Art von Ressource, die wir uns alle wünschen würden: man muss sich ihrer nicht bewusst sein, man muss sie nicht aufsuchen, man muss sich ihrer nicht aktiv bedienen, sie „fließt“ einfach, wenn sie gebraucht wird. Diejenigen, die sich ihrer bedienen, haben mit dem ganzen Vorgang gar nichts zu tun, sind bloß intentionslos ausführendes Organ. (Ich höre schon das Gegenargument: „Ja gut, geschrieben haben wir das schon, gemeint aber nicht.“) In ähnlicher Weise waren Gidley, McGeever und Feldman wohl die intentionslos ausführenden Organe, durch die das Reservoir der Satire eigenständig floß, als sie diesen Text verzapften.

Die Kunst des Rosinenpickens

Satire reißt ja oft einige wenige Tatsachen aus ihrem Zusammenhang und entfremdet sie, um so die Wirklichkeit in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Sofern man es dabei mit der Wirklichkeit nicht allzu genau nimmt, fällt der ornamentale Einsatz von Statistiken durch Gidley, McGeever und Feldman genau in diese Kategorie. Betrachten wir zur Veranschaulichung die folgende Passage in ihrem Text:

Fragen wir nun, wo diese negativen Einstellungen am ehesten auftreten, können wir uns Umfragen zuwenden, die YouGov 2017 und 2019 durchführte. … Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es ebenso wahrscheinlich ist, dass Anhänger der Labour Party antisemitischen Aussagen zustimmen wie Wähler der Konservativen. Ja, bei der Umfrage von 2017 stimmten Konservative Wähler antisemitischen Ansichten eher zu. Die Umfrage von 2019 ergab ein gemischteres Bild, zum Teil, weil der Fragenkatalog erweitert wurde. Doch auch in jenem Jahr stimmten fünfzehn Prozent der befragten Wähler der Konservativen aber nur elf Prozent der Labourwähler der Aussage zu, Juden mit einer Verbindung zu Israel seien Großbritannien gegenüber weniger loyal als andere Briten. Andererseits stimmten sechzehn Prozent der Labourwähler, doch nur vierzehn Prozent der Wähler der Konservativen der Aussage zu, dass „Juden im Vergleich zu anderen Gruppen in den Medien zu viel Macht ausüben“. Das Gesamtbild ist jedenfalls klar. Unter den Anhängern beider Parteien stimmt eine nennenswerte Minderheit politischen Stereotypen und Vorurteilen zu.

Wo will man da anfangen?

  • Ich beginne mit der Aussage: Die Umfrage von 2019 ergab ein gemischteres Bild, zum Teil, weil der Fragenkatalog erweitert wurde. Diese Erweiterung fügte der Umfrage einen neuen Abschnitt hinzu, bei dem es darum ging, israelbezogenen Antisemitismus (so, wie er von der Definition der IHRA beschrieben wird) zu ermitteln, jene Form des Antisemitismus also, von der man annehmen kann, dass sie unter Labouranhängern (und Linken im Allgemeinen) besonders weit verbreitet ist. Vermutlich, weil sie die Definition der IHRA ablehnen und sich gerne darum sorgen, legitime Kritik an Israel könnte allzu bereitwillig als israelbezogener Antisemitismus fehldiagnostiziert werden, gehen Gidley, McGeever und Feldman auf diesen Teil der Umfrage gar nicht erst ein. Es kommt wohl kaum als allzu große Überraschung, dass die Wähler der Konservativen traditionellen antisemitischen Aussagen, die Labouranhänger dagegen Aussagen des israelbezogenen Antisemitismus häufiger zu stimmen.
  • Allerdings haben wir es keineswegs mit einer einfachen Äquivalenz zu tun. Dass der Anteil der Labouranhänger, die Aussagen des israelbezogenen Antisemitismus zustimmten, um 41,3 Prozent höher war als jener der zustimmenden Toryanhänger überrascht kaum. Hinzu kommt aber, dass der Anteil der Labouranhänger, die derartige Aussagen ablehnten, um 42,1 Prozent geringer war als der der entsprechenden Torywähler (was sich insofern keineswegs, wie man zunächst denken könnte, von selbst versteht, als sehr viele Labourwähler, wie wir noch sehen werden, die entsprechenden Fragen mit „weiß nicht“ beantworteten). Umgekehrt stimmten Wähler der Konservativen traditionellen antisemitischen Aussagen zwar um 32,8 Prozent häufiger zu als Labourwähler, doch zugleich lehnten die Labouranhänger diese Aussagen im Schnitt seltener ab als die Toryanhänger (wenn auch nur um marginale 1,3 Prozent seltener). Insgesamt war der Anteil der Labourwähler, der Aussagen des israelbezogenen Antisemitismus befürwortete, um 46.8 Prozent höher als der Anteil der Torywähler, der traditionellen antisemitischen Aussagen zustimmte, doch die Labouranhänger lehnten den traditionellen Antisemitismus (wenn auch nur in geringfügigem Maße) seltener ab als die Toryanhänger.
  • Da die Frage des Antisemitismus eine heikle ist, überrascht es kaum, dass durchgängig relativ oft mit „weiß nicht“ geantwortet wurde. Es fällt aber auf, dass die Zahl der „weiß nicht“-Antworten bei den auf israelbezogenen Antisemitismus zielenden Fragen um 43,2 Prozent höher war als bei denen, die sich auf den traditionellen Antisemitismus bezogen. Zudem antworteten die Labouranhänger unter den Befragten in beiden Abschnitten um 23 Prozent häufiger als die Wähler der Konservativen mit „weiß nicht“. Dies legt die Vermutung nahe, dass etliche Labourwähler sich scheuten, vermeintlich ‚unerwünschte‘ Antworten zu geben.
  • Die bislang zitierten Zahlen beziehen sich alle auf jene, die antisemitischen Aussagen „nachdrücklich“ oder „teilweise“ zustimmten einerseits, und auf jene, die diese „nachdrücklich“ oder „teilweise“ ablehnten, andererseits. Interessant ist dabei aber folgendes: Nur 34,2 Prozent der Toryanhänger und 22,8 Prozent der Labouranhänger lehnten den israelbezogenen Antisemitismus „nachdrücklich“ ab. Umgekehrt, lehnten 33,8 Prozent der Labouranhänger und 27 Prozent der Anhänger der Konservativen den traditionellen Antisemitismus „nachdrücklich“ ab. Während also der Anteil derer, die die ihnen jeweils weniger naheliegende Form des Antisemitismus ablehnten, in etwa gleich war, lehnten 18,4 Prozent mehr Konservative den für sie naheliegenden traditionellen Antisemitismus ab als Labouranhänger den für sie näherliegenden israelbezogenen Antisemitismus.
  • Bevor Sie jetzt denken, bei den dem israelbezogenen Antisemitismus zugeordneten Aussagen habe es sich in Wirklichkeit nur um den Ausdruck einer ganz harmlosen and allzu berechtigten Kritik an der israelischen Regierung gehandelt, und das Ganze sei ein abgekartetes Spiel gewesen, hier drei Beispiele: Von den Labouranhängern unter den Befragten meinten 36 Prozent, dass „Israel die Palästinenser so behandelt wie die Nazis die Juden“; nur 52 Prozent von ihnen stimmten der Aussage zu, dass „Israel sich zurecht gegen jene verteidigt, die es zerstören wollen“; und nur 37 Prozent meinten, es wäre ihnen recht, „Zeit mit Leuten zu verbringen, die Israel unverhohlen unterstützen“.
  • Die gleiche Umfrage ermittelte außerdem, dass „Antisemitismus unter Linksradikalen inzwischen häufiger vorkommt als unter Rechtsradikalen“ (S. 3). Von den Linksradikalen unter den Befragten stimmten 60 Prozent der Aussage zu, Israel behandele die Palästinenser so wie die Nazis die Juden behandelt hätten. Zweidrittel der Anhänger Corbyns unter den Befragten stimmten bis zu drei, das verbleibende Drittel mindestens vier antisemitischen Aussagen zu (S. 4).

Aber wen kümmert‘s, schließlich handelt es sich ja hier um Satire. Es fiele mir nicht ein zu bestreiten, dass Gidley, McGeever und Feldman durch diese Handhabung der betreffenden Statistiken ein interessantes Licht auf irgendetwas geworfen haben. Dass es sich bei diesem Irgendetwas um die Wirklichkeit handelt, scheint mir allerdings sehr fraglich zu sein.

Das (selbst erfundene) Zitat der Woche

Paul Klee, Und schämt sich nicht, 1939, Tempera und Aquarell auf Papier, 22,7 x 29, 5cm

„Menschen aus Transsylvanien können nicht transphob sein, weil sie selbst trans sind.“

Nachdichtung des traditionellen Volksliedes „Palästinenser können nicht antisemitisch sein, weil sie selbst Semiten sind“, zuletzt wieder von Daniel Barenboim in der FAZ vorgetragen.

Der (nicht so) verdeckte Antisemitismus der Netflix-Miniserie „Hollywood“

Netflix investiert etliche Millionen Dollar in den bislang elaboratesten Beweis dafür, dass der postkoloniale „Antirassimus“ die kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus nicht ergänzen, sondern verdrängen soll

Paul Klee, Figurine des bunten Teufels, 1927, Tempera auf Papier auf Karton, 46,7 x 30,5 cm

Bei diesem Text handelt es sich um einen Abschnitt aus einem noch nicht abgeschlossenen längeren Text, in dem ich die gängigen Formen der Antisemitismusbekämpfung problematisiere.

Netflix hat gerade mehrere Millionen Dollar (vermutlich liegt der Betrag im zweistelligen Bereich) in eine hochkarätig besetzte, siebenteilige Miniserie investiert, die den bis heute wohl elaboratesten Beweis dafür liefert, dass der postkoloniale „Antirassismus“ die kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus nicht ergänzen, sondern verdrängen soll. Die Serie ist insofern etwas konfus, als sie zunächst verschiedene Formen des Rassismus und der Frauen- und Schwulenfeindlichkeit und insbesondere der sexuellen Ausbeutung im Hollywood der Nachkriegsjahre darstellt, um dann unvermittelt deren märchenhafte Überwindung zu inszenieren. Dieses Erlösungsszenario gipfelt darin, dass ein imaginierter Film, mit dem die verschiedenen zuvor dargestellten Formen der Herabsetzung, Diskriminierung und Ausgrenzung überwunden werden, mehrere Oscars gewinnt. Bei aller Märchenhaftigkeit wird zu diesem Zweck aber nicht einfach eine Preisverleihung erfunden, sondern der imaginierte Film wird gewissermaßen nachträglich für einen der Wettbewerbe nominiert, die tatsächlich stattgefunden haben. Nun sind die Oscars ja seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als einmal verliehen worden. Selbst wenn es einem wichtig erschien, die Handlung in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre spielen zu lassen, hätte es also mehrere Jahre zur Auswahl gegeben. Es mussten aber die Oscars von 1948 sein, denn in jenem Jahr wurde mit Elia Kazans Gentleman’s Agreement ein der Bekämpfung des Antisemitismus in den USA gewidmeter Film als bester Streifen des Jahres geehrt. Dessen Oscars räumt nun munter der im Verlauf der Miniserie geschaffene fiktive „antirassistische“ Streifen ab. Deutlicher lässt sich der Siegeszug des postkolonialen „Antirassismus“ von der sektierischen akademischen Obsession in den kulturindustriellen Mainstream und seine Zielsetzung der Verdrängung der kritischen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus ja wohl kaum demonstrieren.

Für diejenigen, die es interessiert: 1947 kam noch ein zweiter Film in die Kinos, der sich kritisch mit dem Antisemitismus in den USA befasste, nämlich Edward Dmytryks Crossfire (der insofern eine verwickelte Entstehungsgeschichte hat, als es bei der literarischen Vorlage nicht um Antisemitismus, sondern um Schwulenfeindlichkeit ging). Zu diesem Film verfasste Max Horkheimer seinerzeit ein Gutachten.

Ab heute außerdem noch Blogger!

Ab heute außerdem noch Blogger!

Seit einem Vierteljahrhundert befasse ich mich wissenschaftlich (unter anderem) mit dem Antisemitismus und der Kritischen Theorie und ich werde das auch weiterhin tun. Hier geht es mir allerdings um Interventionen, Anregungen und Beschimpfungen, die vielleicht auch ein breiteres Publikum ansprechen bzw. ärgern. Hinzu kommt, dass meine Möglichkeiten, wissenschaftliche Texte zu veröffentlichen, infolge meiner scharfen Kritik an dem weitgehend hegemonial gewordenen postkolonialen Geschwafel und den darauf basierenden bzw. durch es geförderten antisemitischen Positionen, inzwischen massiv begrenzt sind, und ich daher ein zusätzliches Forum brauche.

LeserInnen, die es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, bitte ich, meinen Blog durch Teilen und Weitersagen zu fördern. Danke!

Die Verwechslung des Einfachen und Komplizierten: Mbembe und Eckhart im deutschen Feuilleton

Die Unfähigkeit des deutschen Feuilletons, beim Antisemitismus das Einfache vom Komplizierten zu unterscheiden, an zwei aktuellen Beispielen dargestellt: Mbembe und Eckhart

Bei diesem Text handelt es sich um einen Abschnitt aus einem noch nicht abgeschlossenen längeren Text, in dem ich die gängigen Formen der Antisemitismusbekämpfung problematisiere.

Paul Klee, Sturz, 1933, Pinsel auf Papier auf Karton, 31,6 x 47,5 cm

Bei der Erörterung des Antisemitismus im Feuilleton bzw. im allgemeinen zivilgesellschaftlichen Diskurs gilt, dass das Einfache als ungeheuer kompliziert und das Komplizierte als ungeheuer einfach dargestellt wird. Dies lässt sich an zwei aktuellen Fällen gut illustrieren.

Zum Fall Mbembe, der ja nun wirklich denkbar einfach gestrickt ist, fallen den Feuilletonisten und politischen Kommentatoren die komplexesten und spitzfindigsten Dinge ein. Das eigentliche Problem, das sich aus der Tatsache ergebe, dass er seine Unterstützung und aktive Beteiligung an den Aktivitäten der BDS-Bewegung verleugnet habe, bestehe darin, so Patrick Bahners, dass er sich als unzuverlässiger Bündnispartner der Palästinenser erwiesen habe. Sein Antisemitismus ist nicht nur unleugbar, sondern stellt sogar den Urquell seines theoretischen Ansatzes dar, so Thomas Weber, doch handele es sich dabei immerhin nicht um die Spezialsorte Antisemitismus, die ihm konkret vorgeworfen wurde. Doch kann die feinsinnige Debatte darüber, welcher Art sein Antisemitismus denn nun sei, ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass man seit Jahrzehnten hätte wissen können, dass Mbembe Antisemit ist. Und Leute, die sich auskennen, und die meinen, man müsse sich bestimmte Äußerungen über Israel verkneifen, wenn man nicht als Antisemit gelten will, wird das weder überraschen noch wundern. Angesichts seines Gesamtprofils wäre es geradezu überraschend, wenn Mbembe nicht Antisemit wäre. Diejenigen, die meinen, man müsse über Israel wahllos alles sagen dürfen, was einem in den Sinn kommt, ohne als Antisemit zu gelten, werden sich vom Gegenteil ohnehin nicht überzeugen lassen und Mbembe nur umso mehr schätzen. Je mehr (um Hannah Arendt zu zitieren) „zum Teil ungeheuer interessante Dinge! Ganz phantastische und interessante und komplizierte! Und hoch über dem gewöhnlichen Niveau schwebende Dinge!“ Publizisten aller Couleur sich dazu einfallen lassen, desto mehr leistet man dem Mann und seinesgleichen mit der Kritik an ihm noch Vorschub.

Wird es tatsächlich einmal kompliziert, wie im Falle Lisa Eckharts, soll dann plötzlich alles ganz einfach sein. Als jemand, der mit dem postmodern-postkolonialen Kampf gegen die Aufklärung nichts am Hut hat und sich lieber mit ernsthaften Dingen befasst, hatte ich vor der jetzigen Auseinandersetzung um Mbembe noch nie von ihm gehört. Lisa Eckhart dagegen kannte ich bereits, und ich hatte mir vor einiger Zeit mit angehaltenem Atem und kaum auszuhaltendem Staunen etliches von ihr angesehen, was man sich eben online so angucken konnte. Besonders lustig ist es in der jetzigen Auseinandersetzung, wenn Menschen, die ganz offensichtlich ihren Hintern nicht von ihrem Ellenbogen unterscheiden können, uns erklären, bei Eckhart handele es sich um eine jener Figuren, die durch ihr überdreht-prätentiöses Auftreten lediglich darüber hinwegtäuschen wollten, dass sie zur Wahrnehmung einer ernsthaften Tätigkeit nicht fähig seien. Eckhart kennt sich in der Philosophie, der Ästhetik und der politischen Theorie ganz offensichtlich extrem gut aus. Das Problem ist nur, dass es für ihre Kunst (und ihre Auftritte sind zweifelsohne ganz große Kunst) kein Publikum gibt. Deshalb hat sie sich folgerichtig auf die Kunstform der Publikumsbeschimpfung verlegt.

Die Behauptung, Eckhart bediene sich auf ganz einfältige und platte Weise des allzu gängigen Geschimpfes über die political correctness, um ein billiges und dumpfes Einvernehmen mit dem Publikum herzustellen, ist vollkommen absurd. Nun hat die political correctness ja drei Teile. Erstens ist da das völlig berechtigte Interesse, die Verwendung diskriminierender bzw. gewaltförmiger Sprachformen nach Möglichkeit zu begrenzen. Es setzt zurecht voraus, dass menschliche Wahrnehmungen und Verhaltensweisen auch durch etablierte Sprachgewohnheiten geprägt werden (was etwas ganz anderes ist als die Wahnvorstellung, man könne die Welt verändern, indem man sie einfach anders beschreibt). Dann sind da die mitunter kuriosen Blüten, die sich ergeben, wenn dieser Anspruch auf allzu oberflächliche und zwanghafte Weise formalisiert und zum Selbstzweck erhoben wird. Dieses sind die beide Ebenen, über die konventionelle Komödiantinnen und Komödianten sich gewöhnlich zum Ergötzen ihres Publikums lustig machen. Und dann ist da eben jene postmoderne, vermeintlich progressive Form der political correctness, der zufolge es jenseits der Sprache gar keine Realität gibt, und Sprachgewohnheiten nicht nur als einer von vielen Faktoren dazu beitragen können, das Gute oder Böse zu ermöglichen, sondern es direkt und unmittelbar erschaffen. Dass es Eckhart primär um diese letzte Form der political correctness geht, ist ganz offensichtlich. Ihre Ausführungen sind ja gerade deswegen so krass, weil sie das Missverständnis vermeiden will und muss, es gehe ihr um die ersten beiden Dimensionen der political correctness. Sie trifft also Aussagen, die so krass sind, dass selbst diejenigen, die gerne und viel über das Übel der political correctness meckern, selbst dann Bedenken hätten, sie auszusprechen, wenn es die political correctness gar nicht gäbe—es sei denn natürlich, sie gehörten zur woke crowd, der kein Unsinn zu verstiegen ist.

So weit, so genial. Doch richten sich Eckharts Auftritte, jedenfalls im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ja gar nicht an das von ihr imaginierte Publikum. Das mag erklären, warum sie beim Publikum so gut ankommt, obwohl sie es pausenlos beschimpft—das realexistierende Publikum ist gar nicht das Publikum, das sie beschimpft. Ein Publikum weiß natürlich selten wirklich, warum es lacht, doch mag die Unkenntnis darüber in diesem Fall besonders weitreichend sein. Diejenigen, die Eckharts Angriff auf sich beziehen könnten, wüssten nur zu genau, dass Eckhart nicht ihren eigenen Antisemitismus zum Ausdruck bringt, sondern ihrem imaginierten postmodernen Publikum in kritischer Absicht den Spiegel vorhält. Doch ist dieses Publikum eben nur imaginiert, wenn sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auftritt, und diejenigen, die in Fragen der Philosophie, der Ästhetik und der politischen Theorie weniger bewandert sind als Eckhart, können sich den Zweck ihrer krassen Aussagen folglich nur schwer erklären.

Eckhart muss sich daher einerseits fragen lassen, ob die Gefahr des sich aus ihren Auftritten zumindest potenziell ergebenden Missverständnisses nicht zu groß ist. Umgekehrt muss sie aber natürlich auch ihren Lebensunterhalt verdienen, und es gäbe keine Kunst, würde man alles untersagen wollen, was sich in bestimmten Kontexten als missverständlich erweisen könnte. Vielleicht liege ich mit meiner Analyse auch völlig daneben. Eines jedoch steht fest: Ganz gleich, wie man die Sache am Ende beurteilt und welche Konsequenzen man Eckhart anraten möchte, einfach ist hier gar nichts. Der eigentliche Feind ist ja nicht Lisa Eckhart, sondern der gesellschaftliche Zustand, der sie mit diesem Dilemma und Unverständnis konfrontiert.