Vom Sprachimperialismus deutscher und österreichischer SozialwissenschaftlerInnen

Paul Klee, Eroberer (1930), Aquarell und Feder auf Baumwolle auf Karton, 40,5 x 34,2 cm, Kunstmuseum Bern

Seit deutsche und österreichische Sozialwissenschaftler nicht mehr mit der Wehrmacht durch die Lande ziehen und ihre Konkurrenz einfach umbringen können, haben sie ihre Methoden verfeinern müssen. Seitdem ich nicht mehr existiere und meinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als wissenschaftlicher Lektor und Übersetzer bestreite, bekomme ich mitunter auch sozialwissenschaftliche Texte zur Bearbeitung und bin dadurch allmählich dem Sprachimperialismus deutscher und österreichischer SozialwissenschaftlerInnen auf die Spur gekommen. Der funktioniert so:

Erster Schritt: Wie bei NichtsozialwissenschaftlerInnen auch, versucht man die unerträgliche Banalität des eigenen Daseins und (in diesem Fall) die Gehaltlosigkeit der eigenen Texte dadurch zu übertünchen, dass man immer häufiger, wenn es sein muss, an angemessenen, vorzugsweise aber an denkbar ungeeigneten Stellen Anglizismen einführt. (Hieran haben wir uns alle so sehr gewöhnt, dass uns gar nicht mehr auffällt, wie bemerkenswert das eigentlich ist, bedenkt man, dass die Fotosynthese der allermeisten Deutschen und Österreicher so wenig ohne Antiamerikanismus auskommt wie die der Pflanzen ohne die Sonne.) Diese Anglizismen müssen zwei Grundbedingungen erfüllen. Erstens darf es die Begriffe in der englischen Sprache entweder gar nicht geben oder, wenn man sich schon mit einem realexistierenden englischen Wort abgeben muss, darf die ihm als Einsprengsel ins Deutsche zugedachte Funktion nicht der Bedeutung oder dem Gebrauch des Wortes im Englischen entsprechen (wobei knapp daneben dann oft besonders abwegig ist). Zweitens sollte der Begriff, wenn irgend möglich, so gebildet und eingesetzt werden, dass er bei fast jedem Gebrauch gegen die Regeln der deutschen Grammatik und Syntax verstößt und sich jeder üblicherweise zu erwartenden Flexion widersetzt. Ließe sich der Anglizismus verwenden, ohne den Satzbau zu beschädigen, würde er womöglich nicht auffallen.

Zweiter Schritt: Sofern einem auf dem Weg zur Publikation englischsprachiger Texte Lektoren oder Übersetzer aufgebrummt werden, die sich (was keineswegs die Norm zu sein scheint) mit der englischen Sprache und deren Gebrauch tatsächlich auskennen, werden diese erbittert bekämpft. Dieser oder jeder Terminus komme doch gerade aus dem englischen, also müsse er ja wohl auch erstrecht in einen englischen Text gehören. Dies wird in jüngster Zeit dadurch enorm erleichtert, dass es in der Postmoderne ja ohnehin keine gültigen Regeln mehr geben darf, und jeder Verweis auf eingeführte Konventionen und Standards nur eine Form der Unterdrückung sein kann. Im Übrigen: Was wissen Muttersprachler schon über den korrekten Gebrauch ihrer eigenen Sprache? Und selbst wenn keine realistische Chance bestehen mag, dass eine Muttersprachlerin den Sinn des Texts in der gegebenen Form richtig erfasst, so heißt das ja nur, dass Muttersprachlerinnen allerdringendst ihre Sprache überdenken müssen. Und was heißt hier überhaupt Sinn? Kurzum: Korrekturversuche werden energisch abgewehrt und systematisch wieder wegverschlimmbessert.

Dritter Schritt: Nachdem es einem mit mehr oder weniger Brachialgewalt gelungen ist, mehrere auf deutsch unter Verwendung englischer Wörter verfasste Artikel in englischsprachigen Publikationen unterzubringen, verweist man auf diese als Beweis dafür, dass auf deutsch unter Verwendung englischer Wörter abgefasste Artikel in englischsprachige Publikationen ja ganz offensichtlich gang und gäbe sind. Daraus folgt wahlweise entweder, dass das germanische Pseudoenglisch schon immer das einzig richtige Englisch war und/oder, dass Deutsche und Österreicher zwangsläufig viel besser englisch können, als die Engländer, ja eigentlich überhaupt die einzigen sind, die die englische Sprache korrekt zu gebrauchen vermögen.

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