Grundlegende Missverständnisse im Kampf gegen den Antisemitismus I: Wann nehmen wir Menschen ernst, die an den Weihnachtsmann glauben?

Paul Klee, Weihnachtsbaum mit Christkind und Eisenbahn, 1884, Bleistift und Kreide auf Schreibpapier, 12,7 x 8 cm

Stellen sie sich bitte vor, sie sind in einer Unterhaltung mit einem Erwachsenen begriffen. Es besteht kein Anlass zu der Annahme, dass ihr Gegenüber an irgendeiner Lernbehinderung leidet oder ihr Leben bis vor Kurzem in völliger Isolation verbracht hat. Doch will sie von der Behauptung nicht ablassen, dass der Weihnachtsmann tatsächlich existiert. Vermutlich werden sie zunächst denken, sie scherze. Dann wird ihnen klar, dass dem nicht so ist. Man kann sich angesichts dieses Sachverhalts verschiedene Erwägungen und mögliche Reaktionen vorstellen. Doch würden wohl die wenigsten nun in eine ernsthafte Diskussion eintreten, um zu beweisen, dass der Weihnachtsmann wirklich nicht existiert.

Dennoch gibt es zu jedem beliebigen Zeitpunkt auf Erden mehrere hundert Millionen Menschen, die sehr wohl an die Existenz des Weihnachtsmanns glauben. Nicht nur werden sie dennoch von den meisten Menschen (zumindest auf eine gewisse Weise) ernst genommen bzw. beteiligen die meisten Menschen sich daran, diese Illusion aufrecht zu erhalten. Obendrein haben sämtliche Kulturen, in denen der Weihnachtsmann eine Rolle spielt, bewährte Methoden entwickelt, um ihrem Nachwuchs diesen Glauben zum geeigneten Zeitpunkt abzugewöhnen. Die friedliche Koexistenz dieser beiden einander scheinbar widersprechenden Umgangsweisen mit ein und demselben Problem beruht darauf, dass es nur wenigen Menschen schwerfällt, sie eindeutig zu unterscheiden.

Beim Antisemitismus haben wir es mit einem ganz ähnlichen Szenario zu tun. Einerseits ist erwiesen, dass man Antisemiten mit Argumenten nicht überzeugen kann. Zudem wissen wir, dass man die Sache der Antisemiten, indem man sich auf eine Diskussion mit ihnen einlässt, nur fördert, weil ihre Wahnvorstellungen dadurch in den Status diskussionswürdiger Argumente erhoben werden. Andererseits ist es infolge der tiefen Verankerung des Antisemitismus in westlichen und muslimischen Gesellschaften unvermeidlich, dass es zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine ganz erhebliche Anzahl von Menschen auf Erden gibt, denen die Gelegenheit, dieses Erbe zu verraten, noch nicht geboten wurde.

Ein Argument, das im Seminarraum im Rahmen einer produktiven Diskussion mit Studierenden, die man relativ gut kennt, durchaus hilfreich sein mag, kann sich bei dem Versuch, Antisemiten öffentlich Paroli zu bieten, als zutiefst schädlich erweisen.

Bei einem Großteil der Arbeit, die zurzeit zur Bekämpfung des Antisemitismus unternommen wird, besteht das grundlegende Problem, dass diese Unterscheidung gar nicht oder nicht hinreichend berücksichtigt wird. Immer wieder werden die beiden Dimensionen miteinander verwechselt, oder es wird der Versuch unternommen, beide Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ein Argument, das im Seminarraum im Rahmen einer produktiven Diskussion mit Studierenden, die man relativ gut kennt, durchaus hilfreich sein mag, kann sich bei dem Versuch, Antisemiten öffentlich Paroli zu bieten, als zutiefst schädlich erweisen. Daß ein bestimmtes Vorgehen sich bewährt hat, als man jemandem erstmals die Gelegenheit bot, das antisemitische Erbe der Gesellschaft auszuschlagen, heißt noch lange nicht, dass jemand, der diese Gelegenheit schon unzählige Male stur ignoriert hat, sich davon wird überzeugen lassen.

Diese Menschen (die antisemitische Positionen obendrein in der Regel wesentlich vehementer vertreten als es gesamtgesellschaftlich üblich ist) stellen ein ganz besonderes Problem dar. Ich habe in diesem Zusammenhang wiederholt von vorgegaukelter Ignoranz gesprochen. Wir leben in einer Welt, in der von allen verlangt wird, dass sie insbesondere beim Sexismus, beim Rassismus und bei Fragen der sexuellen Orientierung und Genderidentität ihre Sensibilität im Umgang mit einer Vielzahl von Mikroaggressionen nachweisen können. Doch wenn es um den Antisemitismus geht, soll man die übelsten Klopper raushauen und dann behaupten dürfen, man habe unmöglich wissen können, dass die betreffenden Aussagen antisemitisch seien. Die Antisemiten innerhalb und im Umfeld der britischen Labour Party haben so oft behauptet, wir würden in dieser Sache alle einen gemeinsamen Lernprozess durchlaufen, dass mir völlig unklar ist, wie man derartige Behauptungen je wieder wird ernst nehmen können.

Um unnötigen Missverständnissen vorzubeugen: So albern die woke crowd sich auch in diesem Kontext regelmäßig verhält, finde ich, dass man sich mit Mikroaggressionen durchaus ernsthaft auseinandersetzen soll. Als Schwuler bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der es einem angesichts all der allzu handfesten Makroaggressionen albern vorgekommen wäre, sich noch über Mikroaggressionen zu beklagen. Ich weiß nicht, wieviele Schwule es in meiner Generation gibt, die niemals mit antischwuler Gewalt (und oftmals auch der mangelnden Bereitschaft der Polizei, sie angemessen zu schützen) und krassen Formen der familialen und gesellschaftlichen Zurückweisung konfrontiert waren, allzu viele dürften es wohl nicht sein. Ich hoffe sehr, das junge Schwule dem heute zumindest in den westlichen Großstädten in geringerem Maße ausgesetzt sind und es sich eher leisten können, auch den relevanten Mikroaggressionen etwas entgegenzusetzen.

Versuche, gesellschaftliche Prozesse mit technologischen Veränderungen zu erklären, stehe ich in der Regel sehr skeptisch gegenüber, doch in diesem Fall hat der technologische Wandel das Problem meines Erachtens tatsächlich verschärft. Die sozialen Medien haben so viele von uns fest im Griff, und Milliarden Menschen können inzwischen mehr oder weniger jeden Vorgang nach Lust und Laune aufnehmen, filmen und posten. Die Unterscheidung des Privaten oder Halbprivaten (wozu ich Diskussionen im Seminarraum rechnen würde) vom Öffentlichen ist dadurch zunehmends beseitigt worden. Die durchaus schlagkräftige Feststellung, dass das Private politisch sei, ist inzwischen in den Zwang überführt worden, das Private müsse öffentlich sein. Im Übrigen kann keine Institution heute mehr damit rechnen, ohne nennenswerte Präsenz in den sozialen Medien lange fortbestehen zu können. Daher sind diejenigen, die (metaphorisch gesprochen) damit betraut sind, dem Nachwuchs den Glauben an den Weihnachtsmann abzugewöhnen, ständig gezwungen, ihre Produkte auf einem Marktplatz feilzubieten, auf dem sie dann letztlich, allen guten Absichten zum Trotz, den nimmer endenden Hunger der Antisemiten nach Anerkennung wenigstens etwas stillen helfen.

Ich selbst bringe auf Facebook und Twitter häufig meinen Ärger zum Ausdruck, eben weil ich in aller Regel davon ausgehe, dass die Menschen, deren Verhalten ich kommentiere, Antisemiten sind, die ich, ließe ich mich auf eine ernsthafte Diskussion mit ihnen ein, nur aufwerten würde. Es gibt nur eine angemessene Form der Kommunikation mit ihnen: Man muss sie eindeutig als das bezeichnen was sie sind, nämlich Antisemiten, und ihnen jede Form der „Diskussion“ verweigern. Das Vorgehen anderer scheint vorwiegend auf der Annahme zu beruhen, eben jene Leute, die ich nur mit Verachtung strafen würde, seien für Argumente zugänglich. Sie versuchen, Facebook und Twitter gewissermaßen zu einem ganz großen Seminarraum umzufunktionieren. Ich bin mir dabei ziemlich sicher, dass das Risiko, ich könnte Menschen, denen sich bislang noch nie die Gelegenheit bot, das antisemitische Erbe der Gesellschaft auszuschlagen, abschrecken, ungleich kleiner ist als die Gefahr, dass man Antisemiten aufwertet, indem man sie wie Kinder behandelt, die noch an den Weihnachtsmann glauben.

Die Antisemiten werden also ganz genau wissen, was ich meine, wenn ich sie mit Erwachsenen vergleiche, die immer noch glauben, dass der Weihnachtsmann existiert, obwohl ihnen immer wieder die Gelegenheit geboten wurde, sich vom Gegenteil zu überzeugen.

Als ich in diesem Zusammenhang erstmals die Analogie des Weihnachtsmannproblems bzw. der Weihnachtsmannklausel (also jener Ausnahme von der Regel, dass man mit Antisemiten nicht diskutiert) wählte, wusste ich nicht, dass die Antisemiten selbst mir zuvorgekommen waren. Auf dem Cover der Jahresübersicht des britischen Community Security Trust (CST) über antisemitische Vorfälle im Jahr 2015 ist eine antisemitische Weihnachtskarte abgebildet, die in jenem Jahr einer Abgeordneten des Unterhauses zugeschickt wurde. (Die Abbildung befindet sich auch in dem im Oktober 2016 vom Innenausschuss des Unterhauses veröffentlichten Bericht „Antisemitism in the UK“.) Sie zeigt eine erwachsene Person, die ein Kind fragt, ob es noch an den Weihnachtsmann glaube. Darauf fragt das Kind zurück, ob die erwachsene Person noch an den Holocaust glaube. Die Antisemiten werden also ganz genau wissen, was ich meine, wenn ich sie mit Erwachsenen vergleiche, die immer noch glauben, dass der Weihnachtsmann existiert, obwohl ihnen immer wieder die Gelegenheit geboten wurde, sich vom Gegenteil zu überzeugen.

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