Zum Stand der (offiziellen) Antisemitismusforschung

Paul Klee, Der Teufel jongliert (1930), Öl- und Wasserfarbe auf Leinwand, 50 x 69 cm (Privatsammlung Paul Sacher)

Zwei Dinge sind mir in den letzten Wochen noch einmal besonders deutlich vor Augen getreten:

1. Die allermeisten Antisemitismusforscher und sonstigen vermeintlichen -expertinnen definieren den Antisemitismus nicht anhand wissenschaftlich verifizierbarer (also auch widerlegbarer) Kriterien (von absurden Dingen wie einem Versuch, sich so etwas wie der Wahrheit anzunähern, will ich hier gar nicht erst anfangen), sondern ausschließlich anhand pragmatischer Erwägungen der Koalitionsfähigkeit. Eine wissenschaftliche Antisemitismusforschung würde das, was sie anhand sorgfältig entwickelter Kriterien für Antisemitismus hält, unter gegebenenfalls fortlaufender Anpassung ihres Antisemitismusbegriffs sorgsam studieren, um zu ermitteln, wie der Antisemitismus am besten bekämpft werden könnte. Die gegenwärtig vorherrschende Antisemitismusforschung nimmt den umgekehrten Weg: Sie definiert den Antisemitismus so, dass unter den jeweils gegebenen Bedingungen noch eine genügende Anzahl wohlwollender (bzw. genehmer) Menschen (und/oder ein Großteil des eigenen Freundeskreises) dazu bewogen werden kann, Lippenbekenntnisse gegen ihn abzulegen. Das hat zur scheinbar paradoxen Folge, dass sie sich von dem gesellschaftlich tief verankerten Antisemitismus immer weniger eingestehen darf, je aggressiver er sich in der Öffentlichkeit äußert und auswirkt.

Die gegenwärtig vorherrschende Antisemitismusforschung definiert den Antisemitismus so, dass unter den jeweils gegebenen Bedingungen noch eine genügende Anzahl wohlwollender Menschen (bzw. ein Großteil des eigenen Freundeskreises) dazu bewogen werden kann, Lippenbekenntnisse gegen ihn abzulegen.

2. Gerade für sich als kritisch verstehende Wissenschaftlerinnen birgt der Tabubruch einen immensen Reiz. Was könnte frustrierender sein, als festzustellen, dass man mit einem in Wirklichkeit gar nicht existierenden, offiziell aber unbeirrbar propagierten Konsensus um der Sache willen eigentlich konform gehen müsste? (Dieses Problem führt auch die Covidkrise allzu deutlich vor, und es ist selbstverständlich alles andere als ein Zufall, dass Querdenken und Antisemitismus voneinander überhaupt nicht zu trennen sind.) Die Kritik nun aber auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu richten, würde eine gewisse begriffliche Anstrengung und ernsthafte Forschung erfordern. Viel leichter ist es da, die Wut gleich auf die nicht erfüllte (und vermutlich auch nie ganz erfüllbare) Aspiration zu verschieben, zumal man sich damit ja in Einklang mit genau jener teils schweigenden, teils obsessiv um sich schreienden Mehrheit begibt, der jener angeblich herrschende Konsensus schon lange (oder immer) völlig am Arsch vorbeiging. So genießt man einerseits das Wohlgefühl des Zugehörens zur Volksgemeinschaft und kann sich andererseits noch als oberkritisch gebärden. Dennoch bleibt ein doppelter Widerspruch bestehen.

Man will Antisemit sein dürfen, ohne es sich gefallen lassen zu müssen, dass man deswegen Antisemit genannt wird.

Einerseits will man die geile Erregung des Tabubruchs erleben, ohne dafür irgendeinen Preis zahlen zu müssen. Dadurch erklärt es sich, dass die besonders fortgeschrittene Antisemitismusforschung sich mit dem Antisemitismus gar nicht mehr aufhält, sondern ihre ganze Wucht auf die Bekämpfung des Antisemitismusvorwurfs verlegt hat. Man will Antisemit sein dürfen, ohne es sich gefallen lassen zu müssen, dass man deswegen Antisemit genannt wird.

Andererseits besteht das Tabu zwar als Wort am Sonntag, hat aber nicht die geringste gesellschaftliche Wirkungsmacht. Um sich also Zugang zur geilen Erregung des Tabubruchs zu verschaffen, muss man das Tabu als ein ernstzunehmendes erst selbst erfinden. Daher das endlose Lamentieren darüber, dass man das, was man immerzu ohne jedwede Selbstbeherrschung in die Welt herauskotzt, ja gar nicht sagen dürfe.

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