Zum Antisemitismus der Querdenker

Paul Klee, Die Gehängten (1913), Tinte auf Papier auf Pappe, 32,4 x 24,8 cm (MoMA)

Vergesst die Verschwörungstheorien, dass Problem ist die Mordlust.

Wenn ich mit Hannah Arendt etwas teile, dann gewiss ihr tiefes Misstrauen jenen Intellektuellen gegenüber, denen immer und zu allem möglichst gleich „etwas einfällt“. In den letzten Wochen haben sich in meinem Nachdenken über die gegenwärtige Lage aber einige Ideen zum allgegenwärtigen Antisemitismus im „Widerstand“ gegen die momentanen Beschränkungen herauskristallisiert, die manche Leserin vielleicht doch interessieren könnten.

Der ständige Verweis aufs Verschwörungstheoretische ist zwar nicht ganz falsch und schon auch relevant, geht am Kern der Sache aber letztlich vorbei. Im Übrigen handelt es sich dabei ja ohnehin um einen Allerweltsvorwurf. Wenn man, wie die Postmoderne es (zumindest vorgeblich) tut, alles stets nur auf der Ebene der Form ohne Berücksichtigung des Inhalts vergleicht, ist auch die Marxsche Vorstellung vom Warenfetisch eine Verschwörungstheorie. Jede Einsicht, die das vermeintlich Offensichtliche nicht als die ganze Wahrheit gelten ließe und damit, grundsätzlicher ausgedrückt, der Annahme widerspräche, menschliche Wahrnehmung sei ohne jegliche Form von Projektion möglich, wäre dann eine Verschwörungstheorie.

Sofern es um Erklärungen dafür geht, dass der „Widerstand“ gegen die von der Pandemie aufgenötigten Einschränkungen Antisemitismus jeder Couleur zum Zwilling hat, ist der Hang zum Verschwörungstheoretischen aber viel mehr Symptom als Ursache. Der entscheidende Kausalzusammenhang ist viel elementarer, er besteht in der entfesselten, kollektiv sanktionierten Mordlust. Bei aller Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit beruht der Antisemitismus im Kern auf der — der Kultur des Westens wie des Islams gleichermaßen integral eingeschriebenen — Vorstellung, dass die Juden in dem Sinne schlechthinnig verfügbar seien, dass man an ihnen, wie an keiner anderen Gruppe, seine eigenen Prinzipien auch und gerade dann mit sonst ungeahnter Konsequenz durchexerzieren und die eigenen unlösbaren Widersprüche einer vermeintlich widerspruchlosen Lösung zuführen darf und muss, wenn das zur Folge hat, dass die Juden am Ende alle tot sind.

Die Leute tragen ja nicht deswegen gelbe Sterne und behaupten, es erginge ihnen wie einst den Juden in der Schoa, weil sie sich mit den ermordeten Juden identifizieren würden. Das Problem besteht in diesem Fall nicht in der Relativierung der Schoa, sondern in der Täter-Opfer Umkehr die hier stattfindet, und zwar in einer Form, die man so lupenrein selten zu sehen bekommt.

Um diesen Zusammenhang zu erkennen, bedarf es ja ausnahmsweise einmal tatsächlich nicht des geringsten verschwörungstheoretischen Talents. Die Leute tragen ja nicht deswegen gelbe Sterne und behaupten, es erginge ihnen wie einst den Juden in der Schoa, weil sie sich mit den ermordeten Juden identifizieren würden. Das Problem besteht in diesem Fall nicht in der Relativierung der Schoa, sondern in der Täter-Opfer Umkehr, die hier stattfindet, und zwar in einer Form, die man so lupenrein selten zu sehen bekommt. Wenn in der gegenwärtigen Situation irgendeine Gruppe mit den vom Nationalsozialismus bedrohten und schließlich in unerhörter Zahl ermordeten Juden gleichzusetzen wäre, dann diejenigen in unserer Gesellschaft, bei denen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass das Virus sie töten würde. Der gelbe Stern drückt bei diesen „Widerständlern“ nicht das Verlangen nach einem Schutz aus, der den Juden in der Vergangenheit verwehrt wurde, sondern das Bedürfnis, endlich SS-Uniform tragen zu dürfen.

Der gelbe Stern drückt bei diesen „Widerständlern“ nicht das Verlangen nach einem Schutz aus, der den Juden in der Vergangenheit verwehrt wurde, sondern das Bedürfnis, endlich SS-Uniform tragen zu dürfen.

Den Möchtegern-SSlern muss man der Wahrheit halber zugestehen, dass sie betrogene Betrüger sind. Unser ganzes Leben lang gaukelt man uns vor, wir könnten unser Schicksal maßgeblich beeinflussen, wenn wir uns nur mit Haut und Haaren dem Konformismus verschreiben. Damit nicht genug, müssen wir, um dazuzugehören, auch noch unablässig so tun, als wüssten wir nicht, dass das eine Lüge ist, obwohl wir doch letztlich, ob bewusst oder unbewusst, alle wissen, dass es gelogen ist; und, als wäre auch das noch immer nicht schlimm genug, sind wir ebenso unablässig dazu angehalten, anderen diesen Bären aufzubinden und von ihnen zu verlangen, dass auch sie so tun, als wüssten sie nicht, dass sie angelogen werden. Dass nichts dieses Gefüge auf so entscheidende Weise ins Schwanken bringt wie eine isolierte Portion Wahrheit, ist kaum überraschend. Auf einmal könnte man tatsächlich mit vergleichsweise einfachen Mitteln — es wird einem noch nicht einmal abverlangt, dass man etwas tue, sondern eher das genaue Gegenteil — Maßgebliches zum Schutz sowohl des eigenen Lebens als auch der Sicherheit Anderer leisten. Dass es da eine gewisse Portion Reflexionsfähigkeit braucht, um das nicht als Hohn zu empfinden, finde ich verständlich. Die „Widerständler“ greifen an dieser Stelle jedoch zum Umkehrschluss: Endlich kann man es dem ganzen lügenhaften System — durch Abwehr der Wahrheit, die so großen Seltenheitswert hat, dass sie schon gar nicht mehr wahr ist — auf folgenreiche Weise heimzahlen.

Endlich kann man es dem ganzen lügenhaften System — durch Abwehr der Wahrheit, die so großen Seltenheitswert hat, dass sie schon gar nicht mehr wahr ist — auf folgenreiche Weise heimzahlen.

Da trifft es sich gut, dass dieser „Widerstand“ gute Chancen hat, in erheblichem Umfang Menschenleben zu kosten. Was wären das auch für Prinzipen, wenn sie nicht darauf hinausliefen, den unnötigen Tod einer Gruppe Schutzloser zumindest billigend in Kauf zu nehmen? Die Forderung, dass man andere Menschen nur im Ausnahmefall töten solle, bildet ja ein Kernstück des uns allen abverlangten Konformismus und ist zugleich ein ganz besonderes Ärgernis, weil sie noch dazu vernünftig ist. Gerade darin, dass sie die Rebellion gegen diese Forderung mit vermeintlich plausiblen Argumenten legitimieren, liegt ja der Reiz sowohl des Antisemitismus als auch der Eugenik (und hier, und nicht im „Rassismus“ liegt auch der entscheidende Zusammenhang zwischen beiden). In Deutschland verschärft sich die Lage noch dadurch, dass zumindest die Bundesregierung sich einem stärker eugenisch ausgerichteten Umgang mit der Pandemie, der dem kapitalistischen System, dem uns zu unterwerfen, wir ständig angehalten werden, wohl viel eher entsprochen hätte, entgegengestellt hat. Es ist ja kein Geheimnis, dass Linke und extrem Rechte mit der Eugenik traditionell viel mehr anfangen können als gemäßigte Rechte, denen der Anspruch auf Schutz des menschlichen Lebens bei aller Abgebrühtheit doch immer mal wieder zum Hindernis wird. In gewisser Weise sind wir ja auch wirklich mit einer Form des Irrsinns konfrontiert: Ein Leben lang hat man uns beigebogen, dass die Schwachen und Schutzbedürftigen letzten Endes Schmarotzer sind, deren Lage man mit dem Zuckerbrot nur verschlimmert und bestenfalls mit der Peitsche verbessern kann. Und nun soll das ganze Land wer weiß wie lange um der Schwachen und Schutzbedürftigen willen die Luft anhalten?

Doch ist verstehen ja nicht gleich verstehen. Verstehen im Sinne des bloßen Nachvollziehens kann man auch die Ideologie der Nazis. Was könnte, lässt man sich erst auf die entsprechenden irrigen Grundvoraussetzungen ein, folgerichtiger sein als die Schoa? Dass ein irrationales Reaktionsmuster nachvollziehbar ist, macht es jedoch weder rational noch weniger schädlich. Gerade darum ist es ja so wichtig, den Antisemitismus — und das Gleiche würde ich von der momentanen Form des „Widerstands“ behaupten — nicht wie jede andere kontroverse Meinung im bunten Diskurs auch zu behandeln, sondern ihn in allen seinen Äußerungsformen stets als genozidalen Impuls zu brandmarken.

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