Die Verwechslung des Einfachen und Komplizierten: Mbembe und Eckhart im deutschen Feuilleton

Die Unfähigkeit des deutschen Feuilletons, beim Antisemitismus das Einfache vom Komplizierten zu unterscheiden, an zwei aktuellen Beispielen dargestellt: Mbembe und Eckhart

Bei diesem Text handelt es sich um einen Abschnitt aus einem noch nicht abgeschlossenen längeren Text, in dem ich die gängigen Formen der Antisemitismusbekämpfung problematisiere.

Paul Klee, Sturz, 1933, Pinsel auf Papier auf Karton, 31,6 x 47,5 cm

Bei der Erörterung des Antisemitismus im Feuilleton bzw. im allgemeinen zivilgesellschaftlichen Diskurs gilt, dass das Einfache als ungeheuer kompliziert und das Komplizierte als ungeheuer einfach dargestellt wird. Dies lässt sich an zwei aktuellen Fällen gut illustrieren.

Zum Fall Mbembe, der ja nun wirklich denkbar einfach gestrickt ist, fallen den Feuilletonisten und politischen Kommentatoren die komplexesten und spitzfindigsten Dinge ein. Das eigentliche Problem, das sich aus der Tatsache ergebe, dass er seine Unterstützung und aktive Beteiligung an den Aktivitäten der BDS-Bewegung verleugnet habe, bestehe darin, so Patrick Bahners, dass er sich als unzuverlässiger Bündnispartner der Palästinenser erwiesen habe. Sein Antisemitismus ist nicht nur unleugbar, sondern stellt sogar den Urquell seines theoretischen Ansatzes dar, so Thomas Weber, doch handele es sich dabei immerhin nicht um die Spezialsorte Antisemitismus, die ihm konkret vorgeworfen wurde. Doch kann die feinsinnige Debatte darüber, welcher Art sein Antisemitismus denn nun sei, ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass man seit Jahrzehnten hätte wissen können, dass Mbembe Antisemit ist. Und Leute, die sich auskennen, und die meinen, man müsse sich bestimmte Äußerungen über Israel verkneifen, wenn man nicht als Antisemit gelten will, wird das weder überraschen noch wundern. Angesichts seines Gesamtprofils wäre es geradezu überraschend, wenn Mbembe nicht Antisemit wäre. Diejenigen, die meinen, man müsse über Israel wahllos alles sagen dürfen, was einem in den Sinn kommt, ohne als Antisemit zu gelten, werden sich vom Gegenteil ohnehin nicht überzeugen lassen und Mbembe nur umso mehr schätzen. Je mehr (um Hannah Arendt zu zitieren) „zum Teil ungeheuer interessante Dinge! Ganz phantastische und interessante und komplizierte! Und hoch über dem gewöhnlichen Niveau schwebende Dinge!“ Publizisten aller Couleur sich dazu einfallen lassen, desto mehr leistet man dem Mann und seinesgleichen mit der Kritik an ihm noch Vorschub.

Wird es tatsächlich einmal kompliziert, wie im Falle Lisa Eckharts, soll dann plötzlich alles ganz einfach sein. Als jemand, der mit dem postmodern-postkolonialen Kampf gegen die Aufklärung nichts am Hut hat und sich lieber mit ernsthaften Dingen befasst, hatte ich vor der jetzigen Auseinandersetzung um Mbembe noch nie von ihm gehört. Lisa Eckhart dagegen kannte ich bereits, und ich hatte mir vor einiger Zeit mit angehaltenem Atem und kaum auszuhaltendem Staunen etliches von ihr angesehen, was man sich eben online so angucken konnte. Besonders lustig ist es in der jetzigen Auseinandersetzung, wenn Menschen, die ganz offensichtlich ihren Hintern nicht von ihrem Ellenbogen unterscheiden können, uns erklären, bei Eckhart handele es sich um eine jener Figuren, die durch ihr überdreht-prätentiöses Auftreten lediglich darüber hinwegtäuschen wollten, dass sie zur Wahrnehmung einer ernsthaften Tätigkeit nicht fähig seien. Eckhart kennt sich in der Philosophie, der Ästhetik und der politischen Theorie ganz offensichtlich extrem gut aus. Das Problem ist nur, dass es für ihre Kunst (und ihre Auftritte sind zweifelsohne ganz große Kunst) kein Publikum gibt. Deshalb hat sie sich folgerichtig auf die Kunstform der Publikumsbeschimpfung verlegt.

Die Behauptung, Eckhart bediene sich auf ganz einfältige und platte Weise des allzu gängigen Geschimpfes über die political correctness, um ein billiges und dumpfes Einvernehmen mit dem Publikum herzustellen, ist vollkommen absurd. Nun hat die political correctness ja drei Teile. Erstens ist da das völlig berechtigte Interesse, die Verwendung diskriminierender bzw. gewaltförmiger Sprachformen nach Möglichkeit zu begrenzen. Es setzt zurecht voraus, dass menschliche Wahrnehmungen und Verhaltensweisen auch durch etablierte Sprachgewohnheiten geprägt werden (was etwas ganz anderes ist als die Wahnvorstellung, man könne die Welt verändern, indem man sie einfach anders beschreibt). Dann sind da die mitunter kuriosen Blüten, die sich ergeben, wenn dieser Anspruch auf allzu oberflächliche und zwanghafte Weise formalisiert und zum Selbstzweck erhoben wird. Dieses sind die beide Ebenen, über die konventionelle Komödiantinnen und Komödianten sich gewöhnlich zum Ergötzen ihres Publikums lustig machen. Und dann ist da eben jene postmoderne, vermeintlich progressive Form der political correctness, der zufolge es jenseits der Sprache gar keine Realität gibt, und Sprachgewohnheiten nicht nur als einer von vielen Faktoren dazu beitragen können, das Gute oder Böse zu ermöglichen, sondern es direkt und unmittelbar erschaffen. Dass es Eckhart primär um diese letzte Form der political correctness geht, ist ganz offensichtlich. Ihre Ausführungen sind ja gerade deswegen so krass, weil sie das Missverständnis vermeiden will und muss, es gehe ihr um die ersten beiden Dimensionen der political correctness. Sie trifft also Aussagen, die so krass sind, dass selbst diejenigen, die gerne und viel über das Übel der political correctness meckern, selbst dann Bedenken hätten, sie auszusprechen, wenn es die political correctness gar nicht gäbe—es sei denn natürlich, sie gehörten zur woke crowd, der kein Unsinn zu verstiegen ist.

So weit, so genial. Doch richten sich Eckharts Auftritte, jedenfalls im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ja gar nicht an das von ihr imaginierte Publikum. Das mag erklären, warum sie beim Publikum so gut ankommt, obwohl sie es pausenlos beschimpft—das realexistierende Publikum ist gar nicht das Publikum, das sie beschimpft. Ein Publikum weiß natürlich selten wirklich, warum es lacht, doch mag die Unkenntnis darüber in diesem Fall besonders weitreichend sein. Diejenigen, die Eckharts Angriff auf sich beziehen könnten, wüssten nur zu genau, dass Eckhart nicht ihren eigenen Antisemitismus zum Ausdruck bringt, sondern ihrem imaginierten postmodernen Publikum in kritischer Absicht den Spiegel vorhält. Doch ist dieses Publikum eben nur imaginiert, wenn sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auftritt, und diejenigen, die in Fragen der Philosophie, der Ästhetik und der politischen Theorie weniger bewandert sind als Eckhart, können sich den Zweck ihrer krassen Aussagen folglich nur schwer erklären.

Eckhart muss sich daher einerseits fragen lassen, ob die Gefahr des sich aus ihren Auftritten zumindest potenziell ergebenden Missverständnisses nicht zu groß ist. Umgekehrt muss sie aber natürlich auch ihren Lebensunterhalt verdienen, und es gäbe keine Kunst, würde man alles untersagen wollen, was sich in bestimmten Kontexten als missverständlich erweisen könnte. Vielleicht liege ich mit meiner Analyse auch völlig daneben. Eines jedoch steht fest: Ganz gleich, wie man die Sache am Ende beurteilt und welche Konsequenzen man Eckhart anraten möchte, einfach ist hier gar nichts. Der eigentliche Feind ist ja nicht Lisa Eckhart, sondern der gesellschaftliche Zustand, der sie mit diesem Dilemma und Unverständnis konfrontiert.

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